Als ich Y. ansprach

Dieser erste Blog unter neuem Namen ist in erster Linie eine aktuelle Momentaufnahme einer Ebene meines Lebens, die mich derzeit sehr bewegt. 

Ebenso steht er sinnbildlich für das, was mein Leben bewegt. Die Liebe. Aus dem Leben. Mittendrin, statt nur dabei. 

In dieser einen Geschichte meines Lebens geht es um die wundersame Begegnung mit Y. 

Es war wohl einer meiner ersten Tage auf Gomera, als mir abends am Hafen, dort, wo ich mich damals noch weitestgehend aufhielt, unmittelbar an meinem Ankunftsort und heutigem Wohnsitz, diese Frau begegnete. Wunderschön. Strahlend, mit einer Energie, die ich erst seit heute ungefähr in Worte wiedergeben könnte. 

Sie hatte ein Kleinkind über eine Tasche vorne an ihrer Brust. Sie geht mit einer Freundin an mir vor. Ich sitze auf dem Boden, sehe sie kommen und vorbei gehen. Unsere Blicke treffen sich nicht, und genau in diesem Moment wird im klar: diese Begegnung hatte ich bereits vor fünf Monaten. 

Damals, Mitte August, befand ich mich in Slowenien auf dem Rainbow Gathering. Mehr als 4000km weit von hier entfernt. Damals, vor genau fünf Monaten, sah ich diese Frau mit ihrem Kleinkind um die Brust jeden Tag. Unsere Blicke kreuzten sich nie, aber sie ist wunderschön und strahlend. Ich denke mir, sie muss das reinste Wesen unter allen sein. Ich möchte Sie ansprechen, aber ich kann mich nicht überwinden, wohlwissend, dass jetzt noch nicht der Moment gekommen ist. Ich kann warten, wenn ich weiß, dass ich ein Gefühl habe. Denn ich vertraue meinen Gefühlen, weil mir meine Erfahrung auf scheinbar magische Weise bestätigt, dass sie so zuverlässig wie rar sind. Diese ganz klaren Gefühle. 

Das ist schon skurril. Da erinnert man sich an jemanden, den man vor fünf Monaten über 4000km entfernt gesehen hat, und dann trifft man diesen Menschen im gleichen kleinen Ort, in einem Ort von vielen, über 4000km und fünf Monate später. Das ist das Leben, wie ich es liebe. 

Sie war also hier. Wir würden uns Wiedersehen. 

Die folgenden zwei Wochen habe ich sie oft wiedergesehen, in der vergangenen Woche jeden Tag. Doch es war etwas passiert. 

Wir sehen uns ein bis zwei mal am Tag, aber immer mindestens ein Mal. Jedes Mal, wenn es gleich wieder so weit ist, bin ich wie in Trance. Ich spüre den Flow, bin meist alleine unterwegs, gut gelaunt und konzentriert … Bis schlagartig diese Unruhe einsetzt. Ich weiß, dass es wieder so weit ist. Binnen der kommenden Minuten begegnen wir uns, wir schauen uns beide bereits lange bevor in die Augen, bis wir aneinander vorbei sind, ein kurzer Moment, flüchtig, und dann bin ich wieder wie in Trance auf dem gleichen Weg, wie zuvor. Als wäre nichts gewesen, weil ich weiß, dass wir uns Wiedersehen. 
Viele dieser Begegnungen im Vorbeigehen geschahen in den vergangenen Tagen. Dann bekam ich wieder eins dieser Gefühle. 

Ich werde sie ansprechen. Schon bei der nächsten Gelegenheit, morgen. Das wusste ich, ohne Zweifel. Kaum nachdem mein Entschluss gefasst war, entdeckte ich eine Sternschnuppe am Himmel. Ich spielte mit dem Gedanken sie meinem ersten Kontakt mit dieser Frau zu widmen, doch entschied mich dafür mir meinen üblichen Wunsch fürs Leben erneut zu wiederholen. 

Als kurz darauf die zweite Sternschnuppe erschien, wünschte ich mir morgen tatsächlich das Vertrauen zu finden Sie anzusprechen, wie auch immer. 

Am nächsten Tag ging ich erst spät in den Ort, doch traf unterwegs bereits Jakob und kurz darauf Sabrina und Heinrich, mit denen ich derzeit viel Zeit verbringe. Wir genossen den Ausblick am Strand sowie unser Leben und unterhielten uns dabei.

Ich wurde unruhig. Ungefähr zeitgleich beschlossen wir als Gruppe wieder zurück zum Hafen zu gehen. Mein Gedankenkreisen begann. Was hatte meine Unruhe zu bedeuten? Würden wir uns gleich Wiedersehen? Wo? Soll ich hier bleiben oder mit zum Hafen gehen? 

Die Minuten vergingen. Meine Unruhe stieg, wohlbestimmt aber deutlich. Weiterhin war mir unklar, wohin ich mich bewegen sollte. Wäre ich alleine, würde ich zum Hafen gehen. Dann ist das sicherlich mein Weg… Ich soll zum Hafen. Ich möchte los. Sabrina braucht jedoch noch Zeit. Heinrich möchte noch einen rauchen. 

Die Minuten vergehen. Ich warte. Bin unzufrieden mit der Situation. Ich möchte weiter. 

Die Minuten vergehen und wir sind auf dem Weg. Auf halber Strecke bleiben wir am Babybeach hängen, wir treffen Johannes, Heinrich erkundigt sich nach einem Stein, den er neulich fand und Sabrina ist von irgendwas anderem fasziniert. Ich setze mich hin. Ich bin ruhig. Schlagartig. Von jetzt auf gleich. Ich packe mit stoischer Gelassenheit eine Banane aus und verzehre sie genüsslich auf einer Bank, abseits der Gruppe. Ich bin zufrieden und frage mich zeitgleich warum? Ich habe sie nicht getroffen, warum warte ich nicht mehr darauf?

Heinrich fragt mich derweil, ob wir weitergehen sollen. Ich antworte, dass ich Zeit habe und frage mich im nächsten Moment, warum ich sowas sage. Wo ist meine Unruhe?

Nach dem Genuss meiner Banane stehe ich auf und gehe nach vorne zu Sabrina. Ein Impuls. Ich blicke geradeaus und sehe sie. Sie steht vor mir. Saß die ganze Zeit auf dem Boden und stand im gleichen Moment auf, wie ich. Wir blicken uns an. Wieder mal. Sie geht die Treppe herauf und stellt ihr Kind zwischen uns, direkt neben mir. 

In Momenten wie diesen spüre und erfahre ich am ganzen Leib, was ich auf diesem Blog niederschreibe. Ich weiß wieder, wie alles funktioniert, miteinander verwoben ist und wie sehr sich alles bemühen wird, das anzuziehen, was wir in uns tragen. Momente wie diese sind Leben. 

Sie erinnern mich wieder daran, dass das Leben gerissener ist, als ich meine, wenn ich daran zweifle. 

Und das einzige, was ich gegen diese Zweifel tun kann ist mit meinem Herzen sprechen und darauf vertrauen, das geschehen wird, was geschehen soll. 

Doch neun von zehn Stimmen in meinem Kopf beginnen „Habedabedabeda“ zu singen, bis sie alle verstummen. 

Sie steht neben mir, gelassen, ruhig – der Moment ist da. Er ist gekommen. Jetzt. Ich weiß es und bringe dennoch kein Wort aus mir heraus. Ich schaue sie an. Erstarre in Ehefurcht vor diesem gottgleichen Menschen. 

Sabrina kommt herbei – wie gerufen – und beginnt das Gespräch mit ihr. „Wat???!!! Die kennen sich???!!!“ schreit mein Kopf. Das gibt es doch nicht! 

Sabrina geht wieder weg. Wir sind wieder alleine. Ich habe wirklich schon lange genug gebraucht, ich möchte es nicht mehr aushalten und spreche sie an. Wir reden miteinander. Ich erzähle ihr meine Verbindung zu ihr, vom Rainbow, von all den kurzen Begegnungen, dem Wunsch und der Sternschnuppe. Sie gibt mir ein warmes Gefühl, hört zu, ist geduldig und zart. 

Sie strahlt Sanftmut aus. Zunächst dachte ich das passt nicht, da sie eher Vertrauen als Mut ausstrahlt. Dann begann ich zu verstehen, dass Sanftmut vermutlich vom sanften Gemüt abstand und begann zu nicken. Ja, das passt zu ihr. 

Liebevoll, ausgeglichen, einladend und beruhigend. Mütterlich. Es ist lange her, dass mich der Name eines Menschen wirklich interessiert hat. Y

Wir verabschiedeten uns voneinander und stimmten uns auf die nächste Begegnung ein. Minuten später sahen wir uns das vorletzte mal, wir schauten uns noch lange in die Augen, als wir vorbeigegangen waren. 

Wir sehen uns wieder. 

Sabrina schaute mich an und sagte nur zwei Wörter: „Liebevolle Seele

Ja, das ist sie. Die liebevollste, in deren Anwesenheit ich jemals war. 

Auf dem Nachhauseweg bin ich stehen geblieben und habe mit Blick auf den Sternenhimmel Danke gesagt, für diese magische Erfüllung mit Y. Für den Nervenkitzel. Für das Gefühl immer noch das kleine Kind zu sein, welches vollkommen überfordert damit ist mit einer Frau zu reden, ohne sich selbst zu verlieren. 

Und diese Geschichte, so simpel sie vielleicht für den Leser zu klingen mag, ist aus meiner Perspektive, aus der, die es erfährt, eine wunderbar magische. Weil unser Leben genau so simpel ist und zauberhaft geschehen kann, wie in all den Geschichten. Zumindest manchmal. 

Wenn ich sage, dass unser weiteres Leben in jedem Moment niedergeschrieben und für den wahren Beobachter zu erkennen ist, wie für den Leser das Leben des Protagonisten im Buch, dann meine ich damit auch, dass wir diejenigen sind, die es schreiben und in jedem Moment ändern können. Dafür steht Maktub. Dafür, dass wir alle unsere eigenen Geschichtenerzähler sind. 

Für das Schicksal. Für die Gesetzmäßigkeiten. Für Ursache und Wirkung und radikale Eigenverantwortung. Für Zufall, an den ich nicht mehr glaube, wie es vielleicht all die Begegnungen mit Jasmin waren.

Dafür steht Maktub.

Und schon heute morgen auf dem Weg zum Hafen dachte ich wieder an Sie, ehe sie urplötzlich wie immer vor mir stand. Wir standen gemeinsam vor der Tür eines Hauses und lauschten den Mitbewohnern beim gemeinsamen  Singen. Sie erzählte mir, dass sie heute Nacht drei Stunden wach gelegen und an mich gedacht hatte. 

Ihr könnt euch vorstellen, dass ich seitdem das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht bekomme. 

Das sind die Geschichten, die mein Erleben vom Tag prägen. 

4 Kommentare

  1. Ja, bis heute 🙂

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  2. Anonymous · · Antwort

    wundervolle Geschichte. Wie ging es weiter? Habt ihr euch noch öfters gesehen?

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  3. Diese Geschichte hat mich extrem gefesselt. Wirklich eine magische Verbindung. Und eine wertvolle Erfahrung.

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    1. Danke dir! Oja, was ein Abenteuer 😃

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