10 Lektionen aus der Psychiatrie (1/2) 

Sechs Jahre habe ich mit „Kranken“ und Bedürftigen sein dürfen, meine Tätigkeit habe ich in keiner der vielen Bereiche (Altenheim, Demenzabteilung, Krankenhaus, ambulanter Pflegedienst, Betreuung und Psychiatrie) als Arbeit empfunden. Eher als ein Geschenk, dem was ich gerne tue, nachkommen zu dürfen: jeden Tag neue Begegnungen zu haben, Kontakte zu knüpfen und zu festigen, mich auszutauschen, gegenseitig zu inspirieren, jemandem helfen, der darum bittet und dabei fürs Leben zu lernen. 

Am meisten habe ich dabei nicht durch die vorhergehende Theorie, sondern von all den Menschen gelernt, die mir auf meinem Weg begegnet sind. Das waren zum Teil inspirierende Kollegen, die ihre Aufgabe aus natürlichen Begabungen heraus taten und ihrerseits bereits viele Wege und Erkenntnisse gegangen sind, und vor allem waren es die zahlreichen Menschen, denen ich helfen durfte. 

Meine letzten beiden Jahre auf der Soteria-Station in Gangelt, einer eher alternativ behandelnden psychiatrischen Station, haben mich dabei besonders geprägt. Einen kleinen Ausschnitt aus dem, was ich dort mitgenommen habe, möchte ich hiermit in zwei mal fünf Lektionen mitteilen: 
1) Wissenschaften sind sinnig, aber selten umfassend. 

Ich habe täglich so eng, wie ich es mir überhaupt vorstellen kann, mit Medizinern und Psychologen zusammen gearbeitet. Wir standen in engem Austausch, haben gemeinsam therapeutische Gespräche geführt und das ohne spürbare Hierarchien. Auf Augenhöhe. Daher war der Einblick in ihr Denken, Sagen und Handeln für mich recht transparent. Was mir in diesen zwei Jahren zunehmend auffiel, war, wie unterschiedlicher Meinung die Gelehrten der Medizin und der Psychologie doch sind. Und nicht nur das. Ausschlaggebender war, wie viel beide zu übersehen schienen. 

Mir ist bis heute schleierhaft, mit welcher Qualifikation jemand fähig sein soll, jemand anderem aus tiefgreifenden existentiellen Schwierigkeiten zu helfen, der selbst nicht mit sich selbst im Reinen ist, täglich mit eigenen Problemstellen konfrontiert ist und nie all die Erfahrungen gemacht hat, von dem ihm sein Gegenüber berichtet. 

Mein Gefühl ist, dass beide, Psychologen wie Ärzte, ihrerseits höchstens die eine Hälfte der Wahrheit kennen können, sofern es sich nicht um Menschen handelt, die bereits viel gereist sind, erlebt und reflektiert haben und um Perspektiven bereichert wurden. Auch diese gibt in besagten Berufen, wenige, sehr weniger, und doch waren sie diejenigen, deren Erfolg im Umgang mit anderen Ihnen Recht gab. Und dieser Erfolg war bei keinem von Ihnen auf gelerntes Schulwissen zurückzuführen, denn gelernt haben sie alle das Gleiche, sondern auf den eigenen selbst erarbeiteten Horizont. Zu diesen Menschen haben andere aufgesehen, sie für ihre Gedanken und Ideen bewundert und ihnen Dank ausgesprochen, weil sie wirklich geholfen haben, weil sie wirklich am Wohl des anderen interessiert waren. 

2) Man hilft, indem man ein guter Mensch ist. 

Unsere Station bestand aus insgesamt 14 Mitarbeitern verschiedener Berufsgruppen. Von all diesen gelernten Köpfen haben es lediglich drei geschafft, eine Beziehung zu den Patienten herzustellen und wirklich, wirklich zu helfen. Diese Bewertung erlaube ich mir nach all dem Feedback, welches ich über zwei Jahre von knapp einhundert Patienten eingeholt habe. Und die Antworten waren durchgehend dieselben. Es lief immer wieder auf diese drei Namen hinaus. 

Zwei von ihnen möchte ich an dieser Stelle erwähnen, denn sie haben mich und mein Tun fürs Leben geprägt: Danke Michael, Danke Dr. Hinüber. 

Sie beide stachen durch besonderes Wissen heraus, welches weder in dieser Tiefe, noch in diesem Umfang irgendein anderer, der mir begegnet ist, bieten konnte. Doch bewegt haben sie durch ihre Art. Ihr Wissen ist dafür jedoch unabdingbar, denn es macht ihnen überhaupt erst möglich, sich in diversen Situationen anzupassen, gezielt auf ihren Gegenüber einzugehen, den Fokus zu bewahren und sich bewusst zu entscheiden. 

Gute Menschen treffen wir vermeintlich viele. Dem ist auch so. Doch um in jeder Situation gut zum anderen zu bleiben, ist Achtsamkeit und Erfahrung nötig, wozu wir wiederum bestimmtes Wissen benötigen. Denn Wissen geht bekanntlich der Erfahrung voraus. 

Was die Patienten an ihnen besonders schätzten, war, dass sie gute Zuhörer waren. Immer und zu jedem Zeitpunkt, sie waren da und boten dem anderen den Raum, den er gerade benötigte. Sie scheuten keinen Unweg und keine Überstunden, wenn nach Ihnen gefragt wurde von einem Patienten. Sie waren authentisch interessiert, wohlwissend, dass wir einen anderen Menschen nur erreichen und in ihm etwas bewegen können, wenn wir zunächst eine gesunde Basis miteinander haben. Das wichtigste für sie war eine gute Beziehung zu den Patienten zu haben, weit wichtiger, als wie sie vor ihren Kollegen darstehen, wenngleich sie auch mit diesen stets wussten umzugehen. 

3) Behalte meine Pläne für mich. 

Die beiden wussten sich so zu bewegen, dass sie sich möglichst wenig Feinde machten, also wenig Angriffsfläche boten. Ein Krankenhaus ist ein kleines Dorf für sich, Dinge sprechen sich schnell rum, vor allem, wenn man andere Methoden verwendet, als üblich. 

Daher war es für beide grundlegend und das habe ich mir relativ schnell ebenfalls zu eigen gemacht, dass man seine größeren Vorhaben nicht laut ausspricht. Vor allem nicht dann, wenn es die Beziehung zu anderen Menschen betrifft, denn die sollte eine Angelegenheit zwischen zwei Menschen bleiben. 

Ich habe dies dieses Jahr während meiner Beziehung mit Nadine wieder spüren dürfen, welches Drama ein Verhältnis annehmen kann, sobald andere meinen mitmischen zu müssen. Der eigene Geist wird getrübt, die eigenen Ideale und ursprünglichen Motive vergessen. Es ist nichts schlechtes daran, sich weitere Meinungen einzuholen, aber es wird oft kritisch, wenn diese anderen Meinungen ungefragt geäußert werden. 

Wenn mir etwas wirklich wichtig ist, behalte ich es heute erstmal für mich. Sowohl die vielen kleinen Wunder am Tag, um ihnen nicht an Magie zu nehmen, als auch meine langfristigen konkreten Vorhaben, um mich nicht blenden zu lassen. 

4) Ich kann nur den nächsten Schritt planen. 

Die meisten meiner Erkenntnisse hat mir tatsächlich ein einziger Mensch ermöglicht, indem er mir all die Türen gezeigt hat, durch die ich gehen kann. Unsere Beziehung hatte etwas von Morpheus und Neo. Danke Michael. Die beiden klarsten Formulierungen von ihm waren, dass ich nichts mit jemand anderem machen sollte, ohne zuvor um seine Erlaubnis zu fragen. Später habe ich festgestellt, was sich im Menschen innerlich verändert, wenn man danach fragt. Die Art, wie sie mir begegnen, ist völlig anders. Offener. Herzlicher. Dankbarer. Und mein Tun verliert an Angriffsfläche, weil mein Gegenüber ja selbst eingewilligt hat. 

Das zweite war, dass ich mit Patienten immer nur den nächsten therapeutischen Schritt, den nächsten Akt, den nächsten Tag, die nächste Gewohnheit, grundsätzlich nur das nächste besprechen sollte. 

Später habe ich festgestellt, dass dies hilft sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Den Fokus nicht zu verlieren, sich nicht zu überfordern. Und heute stelle ich auf Reisen fest, wie nützlich dieser Ratschlag in allen Lebenslagen ist, da alles weitere schon so abstrakt ist, weil es so fern ist, dass es unrealistisch ist. Was auch immer ich mir als übernächstes vornehme, es ist nie so geschehen, wie angedacht. Es kommt immer anders, als man denkt. 

5) Dies war das erste, was ich mitbekommen habe, als ich vor genau sieben Jahren bei der Eröffnung einer Demenzabteilung mitgewirkt habe und mir im Umgang mit den Patienten genauso auffiel, wie mit Kollegen und allen Menschen, die mir heute begegnen: Ich muss die Menschen dort abholen, wo sie sind. 

Es bringt wenig jemand anderem die eigenen Überzeugungen und Argumente überstülpen zu wollen, so sehr man sie auch selbst erfahren hat, wenn der andere weder danach gefragt hat, noch es hören möchte oder anders gesagt, einfach nicht bereit dafür ist. 

Jeder ist an seinem eigenen Punkt. Jeder. Immer. Auch ich habe schon so viele unterschiedliche Standpunkte erlebt, so oft meine Haltungen geändert, habe so vieles auschgeschlossen, nicht gewusst, nicht wissen wollen und ausgeschlossen. Vieles musste mir im Leben immer wieder begegnen, wird es auch noch in Zukunft, weil ich noch nicht fähig war, es zu erkennen oder übernehmen zu wollen. Jeder steht auf seinem Punkt der Entwicklung, und wenn ich jemandem helfen möchte, dann schaffe ich das am besten, wenn ich mit ihm rede, wie er es kennt, ihm zeige, was er kennt und von ihm nur fordere, was er beansprucht. Menschen fühlen sich in ihrem vertrauten Gebiet wohl, dort sind sie zu erreichen. 

Dafür muss ich den anderen kennen und verstehen, wofür ich erstmal mich selber erkennen muss. Erkennen muss, wo sich wieder mal nur meine eigenen Muster wiederholen, mein eigenes beschränktes Ich spricht und handelt, um bewusst eine andere Rolle, eine distanziertere einnehmen zu können. 

Dafür muss ich meine eigenen Grenzen kennen und achten, diese mitteilen und wissen, wann der Zeitpunkt gekommen ist zu sprechen, und wann ich den Ball vielleicht lieber wieder abgebe. Dafür brauche ich Wissen und Erfahrung, und vor allem ganz viel Übung und die Gelegenheit Fehler machen zu dürfen, um daraus zu lernen. 

2 Kommentare

  1. Ich bin dir Anfangs aus Belustigung gefolgt, wieder ein Typ auf dem Esoteriktrip 😉 Nach diesem Blogeintrag jedoch sehe ich dich in einem ganz anderen Licht. Sehr vieles deckt sich mit meinen Erfahrungen im Bereich der „Betreuung“ noch mehr mit den Empfindungen die ich „dort“ durch Begegnungen mit Menschen hatte. Mir wird zusehends Bewusst wie schnell man selbst Menschen in Schubladen steckt. Ich hoffe man trifft sich irgendwo , irgendwann einmal und lese in Zukunft mit Neugier und Offenheit deinen weiteren Weg. LG Diana

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    1. Danke dir, ein wunderbarer Kommentar!
      Geil eh! Freue mich von dir zu hören.

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