Ich warte nicht auf Verzeihung

Am Tag vor unserer Segelreise hatte ich mit Bernhard eine sehr ehrliche Unterhaltung über erlebte Trauma, was diese für Verhaltensmuster in uns auslösten, wie wir damit heute und zukünftig umgehen möchten und vor allem, welche Rolle das Thema Verzeihung und auf Entschuldigung warten für uns hat. 

Mein Verhältnis zu meinen Eltern wurde aufgrund zahlreicher sich wiederholender Aktionen, geprägt durch körperliche Gewalt und Ignorieren, bereits früh geschädigt. 

Als Kind habe ich regelmäßig Zustände in größter Angst erlebt, die mich sowohl körperlich, wie gedanklich stark bremsten. Ich war wie gelähmt, wenn ich wieder mal vor der Haustüre saß, wohlwissend, dass mich drinnen Schläge und Wut erwarten, und gleichzeitig wusste, dass mein Verharren vor der Türe die Situation nicht besser macht, sondern mir nur noch mehr Ärger wegen Zuspätkommens beschert. 

Ich aß zeitlebens getrennt von meinen Eltern. Gesprochen wurde zuhause nicht. Und wenn doch, dann wurde ich wahrscheinlich wieder mal mit „Guten Morgen, Arschloch“ begrüßt, eine Antwort meinerseits war nicht erwünscht. 

Ich habe mir damals vorgenommen, selbst mal eine andere Art Vater zu werden. Und doch hatte ich gleichzeitig die Befürchtung, dass ich irgendwann mal jemanden so behandeln könnte, wie ich es selbst erfahren habe. 

Bernhards Geschichte war eine andere, doch er ist bis heute davon geprägt. Und er teilt die Sorge, das, was ihm widerfahren ist, jemand anderem antun zu können. 

Er sucht noch nach Wegen, um mit seiner Vergangenheit Hand in Hand gehen zu können. Ich meine diese bereits für mich gefunden zu haben. Woran ich das gemerkt habe? Daran, dass ich heute auf Augenhöhe mit meinem Stiefvater und meiner Mutter sprechen kann, darin, dass keiner von uns vergangenes in die jetzigen Begegnungen transportiert und daran, dass ich weder Groll verspüre, noch mich unwohl fühle darüber offen zu sprechen und viel wichtiger, sich mein Umgang mit Mitmenschen geändert hat. 

Denn tatsächlich war es lange Zeit so, dass ich selbst guten Freunden gegenüber einen geringen Geduldsfaden hatte. Ich hatte schnell einen Punkt im Miteinander erreicht, an dem ich dominant wurde, ganz klar meine Stellung beschützte, andere beleidigte und von oben auf sie herab sprach. Die wenigsten haben es sich getraut, mir dies zu spiegeln. Die meisten haben es geduldet, für beides kann ich dankbar sein, denn es wäre ebenso ein Grund gewesen die Verbindung zu mir zu kappen. 

Seit drei Jahren ist das nicht mehr geschehen, was früher ein Teil von mir war und irgendwie auch noch ist, aber eben erledigt. 

Nach seiner letzten Scheidung hat Bernhard auf materieller Ebene beinahe alles verloren, er war gezwungen neu zu starten. Konzentriert hat er sich auf sein eigenes Boot und ein selbstbestimmtes Leben, Neuland für ihn. Dadurch dass er seine Energie darin investiert hat, konnte er Kummer und Frust über den erlebten Verlust hinter sich lassen. 

Ähnlich, wie bei mir, hat er Vergangenes erst dann abhaken und daraus wirklich lernen können, als er sich neuen Dingen widmete. Ich glaube heute, dass indem wir gegen etwas kämpfen, wir es stärker machen. Denn wir ziehen an, was wir sind. Gesetz der Anziehung. Und wenn ich gegen etwas kämpfe, muss mein innerer Zustand besetzt von Angst oder dem Glauben an Mangel sein. Dadurch fördere ich eben jenen Mangel oder vermeintlichen Verursacher meiner Angst in meinem Leben. 

Wesentlich effizienter ist es, sich dem zu widmen, was man möchte. Dem seine Energie zu geben. Wenn ich mich nach einem guten Verhältnis zu meinen Eltern sehne, werde ich das nur unwahrscheinlich erreichen, indem ich immer wieder mit Ihnen das gemeinsam Erlebte durchkaue. Wahrscheinlicher jedoch, wenn ich mich darauf konzentriere, auch ansonsten gut funktionierende Beziehungen in meinem Leben zu haben, geprägt von einem gesunden Verhältnis zueinander, geprägt von all den Dingen, die mir scheinbar fehlten. Verständnis füreinander. Ein offenes Ohr. Nächstenliebe. Und dann gebe ich dies meinen Eltern, dann wird sich alles regeln. Nein, dann hat sich alles geregelt. 

Selbstbewusst meinen eigenen Weg zu gehen, den in jeder Angelegenheit argumentieren zu können, darin aufzublühen und in schwierigen Zeiten meine Bereitschaft Ihnen zu helfen zu signalisieren, hat unser Verhältnis zueinander neu geprägt. Meine eigene Wahrnehmung, mein eigenes Denken, Sagen und Handeln kann nur meine Schwierigkeiten im Leben ändern und kontrollieren, nichts anderes. Und je integrerer ich dabei bin, also je mehr es wirklich meinen eigenen tiefsten Wahrheiten entspricht, desto effektiver wird das in mein Leben treten, was ich möchte. Weil du anziehst, was du bist. 

Ein bestehendes System von innen heraus zu verändern ist nahezu unmöglich, im Kleinen wie im Großen. In meinen eigenen Gedankenmustern, wie auch gesellschaftlich und global. Ich weiß nicht, ob dies jemals in der Geschichte geschehen ist. 

Was aber geschehen ist, und bisher jeden erfolgreichen gesellschaftlichen Wandel bewirkt hat und jede Veränderung, die ich bei mir selbst und anderen beobachten kann, ist, dass ein neues Modell, eine neue Alternative zum Bestehenden, geschaffen wurde und das alte System im Laufe der Zeit einfach überflüssig gemacht hat. 

Gesellschaftlich brauche ich dafür viele Menschen (Studien schätzen 10-20% einer Bevölkerung), die zum Alternativen Modell wechseln. Persönlich brauche ich dafür lediglich den Fokus meiner Energie auf die Dinge, die ich wirklich möchte (nicht, was ich nicht möchte!), was nicht selten der gegenteilige Pol ist von dem, was mich einst unterdrückt hat. (Beispiel: ich fühle mich in meinem Alltag eingegrenzt und nicht erfüllt, also widme ich mich zunehmend dem, was mich erfüllt und für mich Freiheit bedeutet, statt es innerhalb dessen zu suchen, was mich beschränkt). Dann muss ich nur noch mit selbst Zeit geben, bis daraus Gewohnheiten geworden sind und ich werde vermutlich feststellen, wie sie meinen Charakter und damit nachhaltend meine Erfahrungswelt verändern. 

Ich möchte nicht warten, ehe sich jemand bei mir entschuldigt und stattdessen, mir selbst und anderen geben, was ich von dieser Person vermeintlich vermisse. Dann werde ich die Erfahrung erhalten, die ich mir einst von der Entschuldigung (unterbewusst) versprochen habe. 

Ich möchte nicht weiter Kämpfe aufrecht halten und damit dem Kraft geben, was mir offensichtlich schadet, sondern mich stattdessen auf die Dinge konzentrieren, die mir gut tun. 

Weil ich weiß, dass ein bestehendes System nicht aus sich, aus innen heraus, verändert werden kann, sondern nur überflüssig und hinter sich gelassen werden kann, wenn es eine gut funktionierende Alternative dazu gibt, die mich erfüllt. 

Und bei allem was ich tue, möchte ich umfassend und einladend sein, statt ausschließend, um vorsorglich so zu handeln, dass ich nicht doch vor etwas fliehe oder dagegen ankämpfe. Das schließt ein, dass ich mein ideales Handeln vor allem gegenüber den Menschen zeige, mit denen ich Schwierigkeiten hatte. 

Denn, wenn ich das nicht schaffe, ist etwas in mir noch ungeklärt und ich werde es mit verlässlicher Garantie so lange erneut anziehen und erleben, bis ich gelernt habe, dass sich all das nur wegen mir wiederholt hat, und nicht wegen der vermeintlich bösen anderen. 

2 Kommentare

  1. Hat dies auf Self rebloggt und kommentierte:
    In den letzten Wochen hatte ich Erkenntnisse, die sich alle auf einen bestimmten Kern hin verdichten lassen. Ich wollte das unbedingt teilen, aber scheiterte daran, es in möglichst präzise Worte zu packen.

    Et voilá, Boris hats getan. Und es schockt mich ein bisschen, WIE genau er hier meine Gedankengänge wiederspiegelt!

    Danke fürs Mitteilen, Boris!

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    1. Krass…. Heftig 😃
      Ich wollt den Blog nämlich eigentlich nicht schreiben, weil wir derzeit segeln und ich schon Blogs vorgeplant hatte. Der ist irgendwie einfach aus dem Überfluss heraus dann gestern sehr spontan entstanden. Crazy dass er so gut auf dich passt.

      Sollte wohl so sein 😅

      Gefällt 1 Person

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