[Reiseblog] Begegnungen bis Las Palmas

Am Dienstag Nachmittag betraten wir das Schiff von Cádiz nach Las Palmas. Es sollte eine ereignisreiche Fahrt werden, langweilig wurde uns in diesen knapp 40 Stunden nicht. 

Die wundervollen, liebenden, lehrreichen und stimmigen Begegnungen, die Jakob und ich täglich erfahren, alle aufzuzählen würde meinen Rahmen sprengen. Darum möchte ich mich auf einige wenige konzentrieren, ohne diese hoher werten zu wollen. 

Es begann damit, dass wir am ersten Nachmittag auf der Fähre einen Schweden kennenlernten, der mittlerweile auf den Kanaren lebt. Vor wenigen Jahren erlitt er einen schweren Motorradunfall, der seine Beweglichkeit im linken Bein bis heute einschränkt. Dieser Vorfall hätte in ihm ausgelöst, dass er einige Fragen seines Lebens neu beleuchten wollte. Die Konsequenz daraus wurde, dass er damit aufhörte möglichst viel zu arbeiten, wie es zuvor der Fall war. Es kam Entschleunigung in sein Leben und damit die klare Sicht dafür, was ihm wirklich wichtig ist. 

Das Gespräch mit ihm – wir sahen ihn danach übrigens kurioser Weise nicht mehr wieder – war wichtig für uns. Zum einen berichtete er uns fundiert über einen drohenden Erdrutsch im Bereich der Kanaren, der laut Schätzungen der Vulkanologen zwischen Heute und den kommenden 500 Jahren ansteht, und wahrscheinlich einen 30m hohen Tsunami gen Amerika senden wird. Dort angekommen, was ungefähr nur 10h dauern wird, hätte die Welle bereits eine Höhe von mehreren hundert Metern erreicht. Florida weg. Ganze Ostküste weg. Katastrophe im unbekannten Ausmaße. 

Auch erzählte er uns, dass unser Ziel Las Palmas (Stadt auf Gran Canaria) sei, und nicht La Palma (kanarische Insel). Wir wären sonst zu weit mit dem Schiff gefahren und hätten Bernhard nicht mehr erreicht, den wir heute morgen erstmals trafen. 

Später lernten wir eine junge Familie kennen. Dennis, Vera und ihr Sohn Noah fielen uns bereits in Cádiz auf, da sie sympathisch wirkten und in einem ebenso sympathischen rustikalen Wohnmobil unterwegs waren, aus Deutschland. 

Die Begegnung mit ihnen sollte vor allem für uns vier Erwachsene intensiv werden. Wir verstanden uns sogleich und nach wenigen Minuten waren wir bereits beim Leben und dem Universum angekommen. Beide sind gelernte Mediendesigner, doch Vera hat zuletzt als Ergotherapeutin in einer Psychiatrie gearbeitet. Ich sah viel in ihr wieder. Auch in Dennis. Und sie in uns. Es war eine von sehr wenigen Begegnungen unter so vielen Menschen, bei der jeder sich auf allen erdenklichen Ebenen willkommen fühlte. Wir verstanden uns, und das sehr zügig auch auf tieferer Basis. 

Sie möchten auf Teneriffa wohnen, in ihrem Wohnmobil. Sie surfen, träumen von einem kleinen Haus mit Grundstück zum selbstversorgen und konnten bei uns vor allem durch ihre warmen Persönlichkeiten, aber auch ihre Lebenseinstellung und Wissen punkten. Sei es das praktizieren von Yoga, eine umfassende Ernährung oder das Verständnis der Abläufe auf dieser Welt, die beiden hatten sich gefühlt allen Fragen gestellt und Antworten gefunden, die uns entweder bestätigten oder inspirierten. 

Wir haben über unsere Vergangenheit gesprochen, über Fehler und Lektionen, über ganz intime Prozesse, über Trauma und unseren Umgang damit. Nie haben wir uns im Kreis gedreht, denn sie haben mir deutlich das Gefühl vermittelt, ihr Leben als Lernprozess zu sehen und Lösungen statt Probleme zu finden. Es war so emotional, wie es auch ehrlich und passend war. Vera und Dennis sind zwei äußerst integrere Menschen. 

Wir haben ihre Adressen, und auch ohne bin ich mir sicher, dass wir uns Wiedersehen werden. 

In Las Palmas angekommen haben wir am Strand noch einige Yoga Übungen gemacht, ehe wir uns unmittelbar zum Hafen machten, um Bernhards Boot zu finden. 

Dort erwartete er uns bereits in Gesellschaft von drei jungen Frauen aus Litauen, die bei ihm derzeit unterkommen. Die Wellenlänge mit Bernhard passt. Wir haben erste Abmachungen getroffen, uns kennengelernt, einige Sachen bereits bei ihm verstaut – ehe wir am 02. Januar nach Gomera starten – Bücher von ihm bekommen, das Boot und das Segeln kurz angeschnitten und uns ausgiebig über Ernährung, Fischfang und die eigenen Erfahrungen und Einstellungen darüber unterhalten. Das geht nicht immer, da Ernährung noch immer bei vielen ein persönliches Thema ist und eher ausschließend als umfassend beleuchtet wird. 

Unglaublich gestärkt und motiviert verließen wir nach zwei Stunden wieder den Hafen. Urplötzlich erschien uns alles wesentlich schöner. Wohltuender. Uns ging es beiden wieder richtig gut. 

Unterwegs zum Strand, an dem wir später übernachten und nun erstmal Mittag essen und entspannen wollten, erklärte uns ein junges Paar noch, wo wir heute Abend eine gute Jazz-Jamsession finden würden uns wir deckten und in einem kleinen Laden mit Obst und Gemüse zu. Die Dame schenkte uns sogar noch eine Avocado und zwei Joghurts! Danke! 

Am Strand haben wir nun Alex kennengelernt. Er spielt Hangdrum, hat mir eine Notiz erstellt mit einigen Kaufempfehlungen, da ich unbedingt neben Flöte das Spielen der Hang lernen möchte. Jetzt habe ich erste Anlaufstellen, und da Alex und ich uns auf Anhieb blind verstehen, da er fließend Herz spricht, habe ich auch ein gutes Gefühl mit seinen Empfehlungen. Für nur 700€ könnte ich bereits zuschlagen. Das klingt zu verlockend. 

Wir spielten am Strand Musik, zwei Österreicher und ein deutscher blieben bei uns, wir singen, tanzen und gehen auf in den Tönen. Menschen bleiben stehen, sind berührt, sprechen uns an und lächeln. 

Es ist gefühlt ein kleines Rainbow binnen weniger Momente entstanden, wie Alex es so passend formulierte. 

Nebenbei hat uns noch jemand angesprochen, der uns darüber informierte, wo wir bestens und täglich vegan Lebensmittel retten können. Darüber hinaus wohnt er in den Höhlen am Meer und hat uns dorthin eingeladen. 

Silvester möchten wir alle gemeinsam in den Höhlen oben auf dem Berg verbringen. Mit reichlicher Entfernung das Feuerwerk und unser Leben betrachten, einfach mit schönen Menschen zusammen sein und ungestört die Aussicht auf das Meer genießen. Das ist ganz nach meinem Geschmack. 

Es fühlt sich schon am ersten Abend an wie Familie. Wie zuhause. Ich fühle wieder den Flow, in den wir uns gegenseitig bringen und danke dem Leben von Herzem für die Begegnung mit Alex, der Hangdrumspieler, in dem ich so viel von mir Wiedersehe. Und das auf einer Ebene, mit einer Tiefe, wie ich es noch bei keinem zuvor bewusst erlebt habe. Ein interessanter Fakt ist, dass ich ihn Sascha nannte, bevor ich seinen Namen wusste, da er mich so sehr an meine Beziehung zum Sascha in Cádiz erinnert hat. Dieselbe Art von flapsigen, gedankenschnellen Witzen. Dieselbe Verbindung zueinander. Und dann hat er tatsächlich den gleichen Namen: Alexander Sascha. 

Nur Momente zuvor berichtete er mir davon, wie er sich neulich von jemandem verabschiedet hatte, mit dem Wunsch ihm bald wiederzusehen, und dann traf er jemanden, der einfach genauso war, nur jemand anderer. Als würde dieses eine Bewusstsein in neuer Form erscheinen. Ich verstehe nun, was er meint. Danke dir für diese Lektion.

Es ist mein erster Tag auf den Kanaren. Das Gefühl, dass mich einst dazu bewogen hat hierhin aufzubrechen ist weiterhin da. Hinzugekommen ist ein Gefühl, dass mich daran erinnert zuhause zu sein. Aber eher so, als würde dies noch mein Zuhause werden. Es ist, als komme ich etwas näher und das gefällt mir. Ich mag es, wenn sich mein Leben wie ein roter Faden anfühlt. Stimmig. Sinnig. Meinen Wünschen entsprechend und einfach nur logisch irgendwie. 

ein Kommentar

  1. Toll!!😊👍👋🏻

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