Bin ich lieber der, oder der?

In der vergangenen Woche waren mir zwei der Obdachlosen ein ganz besonderer Spiegel. Wirklich begriffen, habe ich das erst nach meiner Abreise, als Jakob und ich uns über beide unterhielten. 

Für Jakob war der ältere Mann mit langem Bart wie ein Blick in die Zukunft, ein Mensch, der ihn dazu inspiriert hat, woran er noch an sich arbeiten möchte. 

Ähnliches erlebte ich mit César aus Argentinien, der mich wieder daran erinnert, was ich scheinbar verloren habe und so gerne zurück möchte. 

Der ältere Mann mit langem Bart hatte eine große Ausstrahlung. Bereits beim ersten gemeinsamen Frühstück waren wir uns einig, dass er eine unheimliche Ruhe und Gelassenheit habe. Seine Augen wirkten klar, in Gesprächen schien er seinem Gegenüber seine uneingeschränkte Aufmerksamkeit zu widmen. 

Er ist mit sehr wenig zufrieden in Cadiz. Hat einen Ort, an dem er gemütlich und ungestört schlafen kann, freut sich über das Essen und hin und wieder eine Zigarette geschenkt zu bekommen. Vielleicht zieht er bald weiter, womöglich bleibt er dort. Er weiß es nicht, nur, dass es ihm gut geht, er keine Sorgen hat und das altruistische Leben seiner Natur zu entsprechen scheint. 

Er sprach fließend Herz, betonte, dass es nicht wichtig sei sich auf verbaler Ebene zu verstehen, sondern, dass die Seelen sich berühren. Diese Haltung schien er in jeder seiner Gesten zu verkörpern. Er wirkte liebevoll, gesegnet mit Verständnis und der Fähigkeit Brücken zu anderen Menschen bauen zu können. Dabei blieb er stets sachlich, ich vernahm nur selten einen Hauch von Emotionen in ihm, noch seltener sah ich ihn aufrichtig Lächeln oder gar Lachen. Er wirkte durch und durch ausgeglichen, ohne in eines der Extreme zu verfallen. 

Er erinnert mich daran, in welche Richtung ich mich derzeit entwickel. Ich fühle mich, wie er auf mich wirkte. Und hätte ich nicht gleichzeitig César jeden Tag erlebt, wäre ich vielleicht zu dem Entschluss gekommen, dass sein Wesen für mich erstrebenswert sei. Wenngleich er mich bis zum Ende nicht wirklich angesprochen hat, sowohl im wörtlichen als auch bildlichen Sinne. Irgendwas fehlte. Und das fand ich in César. 

Er ist derjenige, der mich unter all diesen neuen Menschen innerhalb einer Woche am meisten beeindruckt und inspiriert hat. 

Wir haben César, der um die 60 Jahre alt sein muss, recht früh erstmals getroffen, jedoch erst die letzten beiden Tage intensiveren Kontakt zu ihm gehabt. 

Wie soll ich César beschreiben? Nun… Wodurch er mir zu Beginn auffiel, war, dass er ständig am Lachen war. César liebt es andere zu veralbern, scheint ständig neue Gelegenheiten zum scherzen zu finden und hat in all den Tagen nicht einmal keine gute Laune gehabt. 

Anfangs hielt ich ihn für einen albernen Mann, der das Leben sehr locker nimmt und wahrscheinlich nicht wirklich verantwortungsvoll sein kann. Die Tage sollten mich eines besseren belehren. Tatsächlich war niemand anderer in der Lage, mir so gefasst, überlegt und tiefgreifend zu begegnen, wie er. Seit einem Jahr ist er obdachlos, hat schon viele Jahre in verschiedenen Ländern gelebt, spricht mehrere Sprachen, hat sein Leben lang diverse Sportarten betrieben und ist sehr begeistert von Übungen, um seine Konzentration zu steigern. Er balanciert gerne auf Seilen, alles was für ihn neu ist, möchte er gerne ausprobieren. Total selbstverständlich. 

Er ist uns wohlwollend begegnet, er hatte immer ein offenes Ohr. Zunächst war er stets mit dem dreißig Jahre jüngeren Janosch unterwegs, der einen Freund gut gebrauchen konnte. Als Janosch allerdings wieder mit dem Trinken begann und in einer Schlägerei geriet, war César weiterhin für ihn da, signalisierte ihm jedoch auch, dass Janosch sein Leben selbst schaffen müsse. César schien völlig natürlich, ohne lange Reflexionsprozesse, seine Aufmerksamkeit anderen zu widmen. Die kommenden Tage half er mit seiner Freundschaft Emilio, der in ein emotionales Tief gefallen war. Er war für ihn da, einfach da. 

César war niemand, der anderen sagte, wie sie sich zu verhalten haben. César haderte weder mit dem Leben, noch mit sich selbst. Er war klar im Kopf, wie ich es gerne wäre, ohne dabei an Intuition oder Herz einzubüßen. 

Nach unserem letzten gemeinsamen Mittagessen warteten César und Emilio draußen auf mich und Jakob. Sie wollten uns zum Hafen begleiten und verabschieden. Ich habe es nicht fassen können. Ich hätte weinen können vor Dankbarkeit und meine Achtung vor diesem Mann stieg mit jedem Moment. 

Wir haben noch anderthalb Stunden zusammen verbracht, viel gelacht, unsere Kontakte ausgetauscht und mit César im Park Fußball und Fangen gespielt. Er ist noch ganz schön fit, nicht weniger als Jakob und ich. Körperlich, mental ist er mir zumindest weit voraus. Wir haben uns über das Universum und Lebenseinstellungen mit ihm genauso unterhalten können, wie über das Essen und das eigene Leben. Er hatte zu allem einen Standpunkt, den er niemandem aufdrängte, aber auf Nachfrage kundgab. 

César erinnerte mich mit all seiner strahlenden Lebensfreude und seiner Art, wie selbstverständlich er von Moment zu Moment lebt, dabei jedoch seinen Verpflichtungen und Grundbedürfnissen verantwortungsvoll nachkommt, an mein früheres ich. So muss ich mal gewesen sein, vor meiner Wandlung. So sehen mich einige heute noch, aber fühlen kann ich es nur noch in den Phasen, in denen es mir wirklich gut geht und ich unter Freunden bin. 

Ich möchte gerne die Balance finden, zwischen einem Leben in völliger Bewusstheit und Einheit mit mir selbst, sowie ekstatischer Lebensfreude und Verantwortung für andere. Ich möchte nicht introvertiert werden und vergessen, wie es ist, Freude zu erleben und sie in jedem Moment mit anderen teilen zu wollen. 

Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr sehe ich von mir in César und umso weniger im bärtigen Mann. Auch César hatte in sich eine Ruhe, aus der er nicht zu vertreiben war. Er konnte im nächsten Moment seelenstill Meditieren oder dich dazu verleiten ihm bei einer witzigen Aktion zu helfen. César ist toll! 

Und ich danke ihm dafür, dass er mich erinnert, in welche Richtung ich möchte. 

Ich möchte Mensch bleiben, zugänglich für alle anderen, und doch genau Grenzen kennend. Ich möchte voller Lebensfreude die Leben anderer besser machen, ohne mich zu verausgaben, weil ich meinem eigenen Glück folge. Ich möchte die Augen nicht verschließen vor den tieferen Weisheiten, und dennoch nie vergessen, dass das was zählt, jetzt ist. 

Danke César, du vollkommener Mensch. 

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