Klamotten weg, was nun?

Es ist sicherlich eine gute Mischung aus Naivität, Nachlässigkeit, Dummheit, Unglück und Schicksal. 

Ich habe es binnen zwei Tagen geschafft nahezu alle Klamotten, ausgenommen die an meinem Leibe, sowie mein Paar exzellenter Meindl-Wanderschuhe zu verlieren. Futsch! Einfach so. Jetzt steh ich da und guck blöd. Mein Grundschullehrer Herr Jansen meinte zu mir, ich schaue manchmal wie ein Auto. So muss ich gestern und heute wieder ausgesehen haben. 

Guten Gewissens habe ich meinen Müllbeutel mit allen halbwegs schmutzigen Klamotten gefüllt und ihn mit aufs Zimmer genommen, damit ich am nächsten Tag and Waschen denke. Denn mein Rucksack ist im Erdgeschoss der Herberge eingesperrt, ich komme nicht eigenständig an ihn ran und wollte die Wäsche griffbereit bei mir haben. 

Den kommenden Tag habe ich allerdings in kompletter Geistesabwesenheit verbracht, den Müllbeutel sogar morgens noch angeschaut, da er gut verstaut neben meinem Bett lag, jedoch nicht ans Waschen gedacht habe. Einen Tag später fällt mir auf, dass der Beutel weg ist. 

Kann das sein? Ich durchsuche das ganze Zimmer. Nichts zu finden. Ich bitte die anderen mir beim Übersetzen zu helfen und den Mitarbeiter der Herberge um Unterstützung. Der Beutel müsse im Müll gelandet sein, höre ich. Die Putzfrauen würden alles wegwerfen, was auf dem Boden liegt. 

Gut zu wissen, denke ich mir. Die Information hätte Stunden früher meine Klamotten schützen können. Wir schauen gemeinsam im Container auf der Straße nach, doch der wird täglich entleert und unsere Suche bleibt glücklos. Ich muss mich wohl damit abfinden. 

Einige Minuten trauere ich noch den geschenkten Klamotten nach. Dem Carhartt-Shirt von Steffen, es hatte diese super praktische Brusttasche… Jakob steht mir in dieser schwierigen Situation bei, doch wir sind uns auch einig, dass dies einerseits eine Lektion ist und andererseits ein großer Türöffner. Und so bleibt die Trauer nur kurz und weicht der Freude über die neuen Möglichkeiten. 

Ich spiele schon länger mit dem Gedanken meinen Stil wieder mal zu verändern. Das ist für mich wie ein Spiel. Wie Theater. Die Wahl des Outfits hilft mir in die Rolle besser reinzukommen. Ich beginne mich damit zu identifizieren. Gleichzeitig beginnt ein Loslassprozess, von den Klamotten, die mir bisher etwas bedeutet haben. Mit denen ich so viel erlebt habe. In zwei Tagen möchte ich im Umsonstladen um die Ecke mal reinschauen. Eine Hose, einige T-Shirts und ein Pullover wären optimal. Gerne alt. Gerne bunt. Irgendwie anders einfach mal, was neues. Für eine gewisse Zeit, dann kann ich mir wieder etwas aussuchen. Klamotten sind so bequem zu tauschen und verschenken. Jeder braucht sie. Jeder hat sie. 

Ob meine Entscheidung aber wirklich tief verankert ist, sollte sich einen Tag später, heute, herausstellen. 

Wir setzen uns auf die Steinplatten über der Klippe, es ist Mittag und die Sonne scheint. Ich möchte mich einfach nur bräunen und ziehe wie immer, jedoch unbewusst und automatisch dieses Mal, weil mich Jakob erstmals hierhin begleitet hat und wir im Gespräch sind, meine Schuhe aus. Die nächsten Sekunden sind mir etwas unklar, denn ich weiß nicht mehr, ob der Schuh noch an meinem Fuß war oder ich ihn an der Kante abgestellt hatte, aber ich sah ihn fallen. Ich sah es und war wie gelähmt, denn augenblicklich war mir klar, dass er für immer weg sein wird. Unter uns waren weitere Steinfelsen, das wusste ich, er hätte auch darauf liegen bleiben können, aber ich spürte, dass er gegangen war. Also bückte ich mich nach vorne und sehe, dass genau unter mir ein ein Meter breiter Spalt ins Meer führte. Überall drumrum waren Steine. Nur an dieser Stelle nicht. Der Schuh war weg, schon in dieser Sekunde längst von einer Welle davongetragen. Einen habe ich noch, aber was macht man mit einem Schuh? 

Und was erzähle ich meiner Mutter? Wenn sie erfährt, dass mein Schuh weg ist, wird sie mir umgehend das Geld für ein neues Paar überweisen wollen. Schuhe sind wichtig. Sie hat mich damals zu diesen Schuhen gedrängt, ich bestand darauf mit meinen Nike-Laufschuhen meine Reise zu bestreiten. Ich wollte, stolz wie ich bin, mir nichts neues kaufen für meine Reise. Ich würde den Weg bestehen mit dem, was ich hatte. 

Ehrlich gesagt, diese Schuhe waren der Himmel. Nie habe ich zuverlässigere Freunde gehabt. Bei jeder Kälte hielten sie mich warm. In jedem Gewitter hielten sie mich trocken. Auf jeden Boden haben sie mich getragen. Und das über 400 Tage. Jeden Tag. Die 160€ waren ihr Geld wert. 

Heute habe ich nur noch ein Paar, meine guten alten Nike-Turnschuhe. Die hatte ich beim letzten Besuch zuhause eingepackt, weil ich mir vorgenommen hatte wieder mehr zu joggen. Habe ich zwar bis jetzt nicht gemacht, aber die Schuhe kommen notgedrungen wieder zum Einsatz. 

Ich freue mich auf die alten Gesichter an meinen Füßen. Und ich freue mich auf die neuen an meinem Körper. Ich bin gespannt, welche Kleidungsstücke mir demnächst über den Weg laufen, wie ich mich darin fühle und verändern werde. Jeder Verlust ist für mich ein Fingerzeig. 

Hier! Schau her! Da ist ein anderer Weg. Ein neuer. Geh den doch mal! 

Etwas Neues. Veränderung. Erzwungen, aber eben eine Möglichkeit. Ich hab mir dieses Leben ausgesucht, ich möchte lernen mit Verlusten jeder Art zurecht zu kommen. So viele Menschen haben mich inspiriert, die anstatt Schwierigkeiten immer neue Möglichkeiten sehen. 

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