[Reiseblog] Im Netzwerk der Obdachlosen

Wir haben Donnerstag, seit drei Tagen befinden Jakob und ich uns in Cádiz, von wo aus unser Schiff rüber nach Las Palmas (Kanarische Inseln) fährt. 

Dort werden wir Bernhard treffen, der mich dazu eingeladen hat uns auf seinem Boot aufnehmen und nach Gomera bringen zu können. Danach geht es weiter zu Prem Nirvesh, dessen „Terrassenrettungslandwirtschaftsprojekt“ ich gerne mit Hand und Hirn unterstützen möchte, und dabei diesen spannenden Menschen kennenlernen kann. 

Doch zurück zu Cádiz, hier spielt die Musik. Am ersten Abend haben wir jemanden kennengelernt, der uns gezeigt hat, wo sich die Tafel befindet, um jeden Tag um 19:30 essen zu können (ihn erwähnte ich im letzten Video, siehe FB Seite). Die Tafel, von der es alleine in der Altstadt drei gibt, ist regelmäßiger Treffpunkt aller Obdachlosen. 

Nie zuvor habe ich Kontakt zu Obdachlosen gehabt, der über einen kurzen Smalltalk hinausging. Und ich bin Jakob bereits nach drei Tagen dankbar, dass er mich um diese Perspektive bereichert hat. Wir haben hier wunderbare Menschen kennengelernt (die wir gemeinhin als Obdachlose bezeichnen), über die täglichen Mahlzeiten, von denen wir mittlerweile drei am Tag einnehmen, uns also bestens und ausgewogen vegetarisch ernähren. 
Begegnungen

Mit Janosch und unserem russischen Freund, dessen Namen ich morgen erneut nachfragen muss, haben wir schon viel Zeit verbracht. Mit beiden sind wir auf gleicher Herzensebene. Beide sprechen mehrere Sprachen fließend, Janosch sogar sieben an der Zahl. Allgemein habe ich von den mehreren Dutzend Obdachlosen bisher erst sehr wenige getroffen, die nicht mindestens zwei Sprachen fließend sprechen. Was im übrigen weitaus mehr ist, als der Durchschnitt der üblichen vermeintlich gebildeteren Menschen hier. Selbst mit Englisch kommen wir sonst nicht wirklich weit. Darüber hinaus haben beide unsere Freunde eine sehr gesunde und einladende Einstellung zur Außenwelt, einen sinnbildlich für ihre Szene (ich denke das kann ich bewertungsfrei sagen?) authentischen freundschaftlichen Umgang mit all ihren Mitmenschen und einen erweiterten Horizont. Sie sind wunderbar warme Menschen, deren Gesellschaft für mich nicht nur zumeist derbe unterhaltsam ist, sondern auch noch ebenso wohltuend. Wir lachen gemeinsam (die haben so geile Sprüche drauf), machen Musik, teilen alles, lernen voneinander (Sprachen, Instrumente,Wissen), inspirieren uns (ein guter Mensch zu sein). Danke. Und nach dem heutigen Tag weiß ich endlich, welches Instrument ich unterwegsspielen kann. Es soll handlich sein, und mir fiel lange nichts passendes ein, aber als ich heute die Blockflöte hörte, wusste ich, dass ich beim nächsten Besuch zuhause meine alte Flöte aus Grundschulzeiten wiederbeleben möchte. Darauf hab ich wieder richtig Bock! Ich möchte ein guter Flötenbändiger werden. 


Unterkünfte

Mit Janosch haben wir die ersten beiden Nächte in einem Squad verbracht, das jedoch kein besetztes Wohnhaus war. Sondern ein besetztes Parkhaus. Es gibt im Erdgeschoss  sechs freistehende Glasräume, die allgemein bekannt als Squads genutzt werden. Wenn man jemandem beschreiben möchte, wo man schläft, reicht meist der liebevolle Kosename „Aquarium“, denn im Parkhaus aus Glas können einen die Spaziergänger von draußen theoretisch sehen. Für mich war es jedoch ein Traum, denn wir lagen wind- und regengeschützt, die Nacht war angenehm warm und ich habe erstmals in meinem Leben statt einer Decke über mir eine Öffnung zum Sternenhimmel gehabt. Einfach faszinierend bei dieser Aussicht und dennoch geschützt einzuschlafen! 

Seit heute kommen wir in einer Herberge unter, die sich ebenfalls unmittelbar am Meer befindet. Wir teilen uns ein Zimmer mit Raúl aus Portugal und Manuel aus Spanien, die beide knapp über 40 und wahnsinnig zuvorkommend sind. Raúl hat mir bei meiner Ankunft geholfen, da ich ohne wirkliches Spanisch die Formulare nicht ausfüllen konnte. 

Hier gibt es Duschen, bei Belieben noch zwei weitere Mahlzeiten am Tag, Menschen, ein warmes Bett und WLAN. Wir leben wirklich wie die Könige, und beschränken unsere Ausgaben am Tag seit einiger Zeit auf 0€. 

Ich freue mich auf die Begegnungen bei den Mahlzeiten. Ich freue mich über die Mahlzeiten. Ich freue mich über die bisher ausnahmslos unglaublich freundlichen Mitarbeiter der Tafel, darauf, dass so viele auf uns beiden Nomaden positiv reagieren, darauf, dass alle meine Bedürfnisse erfüllt werden, über das gute pralle Wetter am Tag, in kurzer Hose selbst bei 22 Uhr noch draußen zu sein, und mir Zeit und Raum für alles nehmen zu können, wonach ich mich sehne. 

Heute erst habe ich das erste mal Diablo gespielt, eine der Möglichkeiten mit denen Jakob auf der Straße als Künstler Geld verdienen kann. Und ich glaube, das Diablo und ich könnten Freunde werden, mir gefällt es sehr. 

Da wir beide einen plötzlichen Geldsegen von unserer Familie erhalten haben, der bei uns beiden genau den Preis vom Ticket abdecken würde, sind wir verlockt uns selbst zu Weihnachten auf ein Schiff einzukaufen. Dann muss der Traum vom geldfreien trampen übers Meer noch etwas warten, aber noch geben wir den nicht ganz auf. Spätestens in drei Tagen möchten wir uns jedoch festlegen, denn am 27. fährt die Fähre von Cádiz aus los. 

Bis dahin werden wir hier Freundschaften aufgebaut, uns in ein intaktes Netzwerk eingebunden und die Stadt bestens erforscht haben. Nie war mir ein Ort nach drei Tagen schon so vertraut, weil ich bereits jetzt so viele Ansprechpartner in Cádiz habe. Viele Menschen hier sind ehrlich nett, geben eine tolle Energie an andere weiter und tragen zur guten Atmosphäre bei. Dann noch das herrliche Wetter. 

Ich werde wiederkommen nach Cádiz. Es ist ein weiterer Ort in Spanien, an den ich gerne zurückdenken werde. 

Ich bin froh darüber dies alles erleben zu dürfen, all diese Menschen zu treffen, Ihnen wirklich zu begegnen, für mein Leben zu lernen, zu reisen und noch so viel mehr und tiefer, als ich es in einem Blog wiederzugeben vermag. 

ein Kommentar

  1. Anonymous · · Antwort

    Jesus liebt

    Gefällt 1 Person

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