„Aussteiger bedienen sich bei der Tafel“, ist das unmoralisch?

Der letzte Reisebericht Im Netzwerk der Obdachlosen“ hat in Facebookgruppen zu einigen hitzigen Diskussionen geführt. Zwei für mich sehr interessante Fragen möchte ich mitsamt meiner Antwort und einem Kommentar zusammenfassen: 

Frage: Was gibt ihr denn zurück? Was macht ihr für andere außer danken ?

Ich: Jeder der fragt, bekommt wonach er fragt. 

Wir haben Pullover, Gras, Tabak, Papier, unsere Zeit, Schlafplätze, Essen, Trinken, Geld, Schlafsack, Musik, Liebe!, Aufmerksamkeit, Rat, Kontakte für neue Möglichkeiten sowie Informationen gerne gegeben und noch viel mehr bekommen. Außerdem teilen wir, was wir haben. 

Was wir gespiegelt bekommen, ist, dass wir gute Zuhörer wären. Die meisten Menschen, mit denen sie reden, sind betrunken. Mit denen könne man nicht gut reden. Es wird geschätzt, dass wir wirklich Interesse am Menschen zeigen. Sie verbringen gerne ihre Zeit mit uns, ganze Tage haben wir schon zusammen gefüllt und es ist dabei nie langweilig geworden. 

Wir bringen gute Stimmung,  Optimismus und frischen Wind, das empfinden viele als belebend. Am Essenstisch sitzt man gerne bei uns, man möchte wissen, wie es uns geht und was uns beschäftigt. Und das auf einer Weise, wie man es mit guten Freunden macht. Mit Gelassenheit, Interesse und Respekt. Dass sie ihre Zeit so gerne mit uns teilen wollen ist mir persönlich und ihnen das höchste Gut und mehr Wert, als jeder Euro. Das ist es, woran es ihnen fehlt. Nicht an Mitteln. An Nächstenliebe und Kontakt mit anderen Menschen, als den gewohnten Gesichtern. 

Und was heißt „außer“ danken? Ich finde der Mensch nimmt heute gemeinhin zu viel, ohne sich zu bedanken. Da anders zu agieren ist schon eine Nummer für sich.

Frage: Anderen wirklich armen, alten Menschen, die keine Chancen mehr haben, das Essen weg essen… und sich dabei stolz die Medaille des Dreestyle Aussteigers umhängen. Ja, ich finde diese Art des Aussteigens nicht gut.

Ich: Ich weiß nicht, wer von euch bisher mit Tafeln zutun hatten. Aber ich habe noch in keinem Land erlebt, dass die Tafeln sparen müssen. Sowohl in Deutschland, als auch hier bleibt eine Menge übrig. 
In der Heimat habe ich während meiner Zeit im Krankenhaus diese Nahrungskette von der anderen Seite bedient, heute bediene ich mich ihr und ja, es ist für mich eine tolle Erfahrung unter der niemand leiden muss, daher mache ich die gerne. 

Hier isst niemand jemandem etwas weg, so ein Essen könnte ich mit meinen eigenen Wahrheiten nicht verdauen. So ein Essen möchte ich nicht annehmen und erst Recht nicht danach fragen. Erst sollen alle satt werden, dann gerne auch ich. 

Auf die Gefahr hin mich zu wiederholen, möchte ich noch auf die Aussage „armen, alten Menschen, die keine Chancen mehr haben“ eingehen: das ist deine Perspektive. Das sind nicht die Schwierigkeiten mit denen sich die Obdachlosen, mit denen wir Zeit verbringen, rumschlagen. Da klagt keiner wegen Armut, und als chancenlos sehen sie sich auch nicht. Um diesen Blickwinkel haben sie mich bereichert. Überfluss ist ein Geisteszustand. Diese Menschen geben gerne, was sie haben, weil sie überzeugt sind, alles zu haben, was sie brauchen. Oder es bekommen zu können. Genug, um mit einem Lachen zu teilen. Sie haben andere Probleme, jeder hat seine, so wie jeder von uns ebenfalls. Sie vermissen ihre Familien, die keinen Kontakt mehr möchten. Sie tragen Masken in der Gesellschaft, weil man sie keines Blickes würdigt, und selbst das nehmen sie sehr abgeklärt hin. Sie können ihre Rolle schon sehr gut einschätzen, habe ich das Gefühl. 

Sie haben emotionale Schmerzen. Andere haben Sie unwürdig behandelt. Sie haben Familie verloren. Sie können sich auf wenige noch verlassen. Sie haben Schicksale, Verletzungen und Verluste erlitten. 

Ja, wir teilen uns alles, aber … Nein, und wir begegnen uns dabei authentisch. Ich möchte der sein, weswegen sie lächeln. Ich bin nicht der, der auf sie herabguckt, sie bewertet oder meint, dass sie ein schlechtes Leben führen. Sie sehen jeden Tag, wie Menschen im Zombiemodus völlig unbewusst rumlaufen, Geld ausgeben für Unsinn und ihr Essen nicht aufessen, es gar wegschmeißen. Das tut ihnen weh. Selbst mir zunehmend. 

Einige wenige sind den Großteil des Tages mit Lesen und Kultur beschäftigt. Sie wissen Bescheid über die Abläufe auf dieser Welt und verstehen sehr gut das Warum. Für die meisten ist dieser Lebenstil eine freiwillige Entscheidung. Sie wissen, dass überall in diesem Bereich Europas alles (!) im Überfluss vorhanden ist. Alles. Überall. Vielleicht nicht in jeder Straße, aber in jedem Ort. Woran es fehlt ist Logistik, Transport und Information. 

Sie wissen sich zu organisieren und geldfrei auszukommen, und wenn ihnen doch mal jemand was Geld schenkt, dann freuen sie sich über einen guten Kaffee, Tabak oder eben ein Bier. Warum denn nicht? Und sie haben Pläne. Sascha möchte ins Louvre nach Paris, er macht gerne Bilder von tollen Kunstwerken, interessiert sich für die Künstler dahinter. Er möchte Kreta besuchen und demnächst in Deutschland jobben, um sich ein Auto zu kaufen. Der Mann ist 51, und ich habe mich mit ihm heute über Abläufe im geopolitischen System unterhalten, über die vielleicht einer von 1000 in Deutschland Bescheid weiß. Er weiß Bescheid. Und wenn er sich sorgt, dann, weil die Menschen sich auf der Straße wiedermal begegnen, ohne sich in die Augen zu schauen und stattdessen beide Hände am Handy haben. Er sorgt sich um die Entwicklung unserer Gesellschaft. Er stellt Fragen und findet Antworten. Und wie viele hier, ist er überzeugt, dass die meiste Arbeit Freiheitsentzug ist, die wertvolle Lebenszeit aufs Geld beschränkt und damit noch schlimmer ist, als Gefängnis. 

Frage: Wenn eine Stadt drei Tafeln hat, sagt das etwas über die Bedürftigkeit der Bewohner aus. Geldsegen von der Familie und dann den Obdachlosen, die wirklich nichts haben, das Essen wegessen? Ist das sozial und moralisch vertretbar fuer dich? 

Ich: Was mir an der Tafel besonders gefällt, ist, das dieses Denken, welches eure angesprochenen vermeintlichen Schwierigkeiten verursacht hat und derweil unter diesen Kommentaren die Runde macht, bestimmt von Rechthaben und dem Glauben an Mangel, und dem daraus resultierenden Konkurrenzgewerbes, nicht vorherrscht. Die Menschen können sich gönnen, und vielleicht auch deswegen habe ich noch keinen unter ihnen getroffen, der glaubt, in einem Mangel zu leben. 

Sprechen möchte ich da allerdings nur für unsere guten Freunde von der Tafel bisher, mit denen wir auch über diese Themen intensiv eingetaucht sind, Janosch, Sascha und Raúl. 

Sie haben Wünsche, wie jeder von uns. Vorstellungen von ihrer Zukunft und eine stolze Vita. Sascha hat zwei Diplome als Masseur und ist gelernter Elektriker. Raúl hat lange als Ingeneur gearbeitet, kommt aus einer wohlhabenden Familie und hat ein leerstehendes Haus in Portugal. Sie haben das Gefühl gelebt zu haben und sich früh genug dagegen entschieden zu haben, gegen ihre Wahrheiten zu leben. Und ihre Wünsche sind realistisch. Dass ich ihnen dabei mit meinen deutschen Kontakten, die ich während der Reise gesammelt habe, noch vielleicht helfen kann ist umso schöner! Es fügt sich. 

Die hier erwähnten Schwierigkeiten, oder gerne auch subjektiv Probleme genannt, sind derzeit eure Realität, weder meine, noch Jakobs, noch die der vielen Menschen hier.

Und wenn diese Menschen, mit denen wir unsere Tage derzeit verbringen, sich so sehr darauf freuen Weihnachten mit uns zu verbringen und darüber hinaus mit uns in Kontakt zu bleiben, uns umarmen und immer wieder so herzlich begrüßen, die Straßenseite wechseln um mit uns zu reden, von Weitem grüssen oder uns an hten Tisch winken, dann weiß ich, dass wir richtig handeln. Denn Jakob und ich fühlen ebenso. Die Menschen wissen über uns und unsere Hintergründe bescheid, sie schätzen das sogar an uns. Egal, ob Obdachloser oder Mitarbeirer der Tafel. Von keinem kam je ein schlechtes Wort. Wir fühlen uns eingeladen. Es ist ein Geben und Nehmen; keiner nimmt mehr und jeder gibt, was er hat. 

Kommentar von Johannes:

Niemand isst jemandem etwas weg, alles ist hier im Überfluß vorhanden.

Doch Ihr seid niemandem etwas vergönnt, nicht einmal eine Klostersuppe, getreu eurem spießbürgerlichen Motto „Wer nicht arbeitet soll auch nicht essen„.

Es muß nicht immer alles in Leistung und Gegenleistung, Geld und Wert gemessen werden. Geben und nehmen, freiwillig und jeder nach seinen Möglichkeiten, dazu gehört auch dankbar annehmen zu können.
Kommentar von Hanna:

Nehmen ist schwerer als geben. Ich arbeite bei der Tafel und möchte Euch ermutigen, zu nehmen, was Euch angeboten wird. Wir müssen viele Lebensmittel entsorgen, weil sie übrig sind. Was als Schweinefutter taugt, wird von Bauern abgeholt.

Das gilt auch für Kleidung. Das DRK nimmt jede Woche viele übrige Säcke mit, es ist genug für alle da.

Und ja: Es ist wichtig, etwas zurückzugeben… dem Leben etwas zurückzugeben. Gebt Eure Liebe, Freundlichkeit und Euren Respekt vor der Natur und allem, was ist.

Das ist mehr, als die meisten Menschen zu geben bereit sind.

2 Kommentare

  1. Hi, ich war auch eine die euch kritisiert hat, bzw gefragt hat wie ihr es moralisch verantworten koennt anderen was wegzuessen. Habe in den letzten Tagen sehr viel darueber nachgedacht, euren blog gelesen und mehr darueber nachgedacht.
    Was mich besonders gewundert hat, war, dass ihr gesagt hat es ist alles im Uberfluss vorhanden. Nun kenne ich weder die deutschen noch die spanischen Tafeln, aber ich habe in England lange bei der food bank geholfen, da war kein Ueberfluss vorhanden, wir hatten immer viel zu wenig, da wir nur von privaten Spendern Dosen,Reis, Pasta und haltbares Zeug bekommen haben. So, das mal als Erklaerungsversuch 😉

    Aber, wie gesagt ich habe viel ueber euch nachgedacht, und ich moechte euch danken, dass ihr mir geholfen habt mich wieder auf meine „roots“ zu besinnen. Irgendwie hatte ich „vergessen“ worauf es ankommt und euer post hat da einen reset button gedrueckt. Danke !

    Gefällt 1 Person

    1. Danke dir so sehr, dass du mich an deinem Reflexionsprozess teilhaben lässt! Darum geht es! 🙂

      Es ist sicherlich nochmal etwas anderes, wenn nur von privaten Spendern bedient wird. Die Tafel funktioniert da etwas anders. In diesem Fall muss wirklich gut organisiert und Marketing betrieben werden, dann ist auch das – sicherlich in England – bestens möglich. Dazu Brauchst du heute aber schon fast eine gute Internetpräsenz.

      Organisationen wie Living Utopia bauen sich so auf und selbst dort kommen ausnahmslos beste Lebensmittel, in Massen, für hunderte von Menschen zustande.

      Der Überfluss ist da. In Europa überall. Es geht dann eher um Themen wie Information, Transport und Logistik, damit der Überfluss auch an der bedürftigen stelle ankommt.

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