Der Militäranwalt mit großem Herzen

Jakob und ich befanden uns nach zwei intensiven Tramptagen mit vielen erstaunlichen Begegnungen 50km vor Cádiz, unserem letzten Ziel in Spanien. Von dort aus fährt unser Boot zu den Kanarischen Inseln. 

Nachdem wir an der Autobahnauffahrt nicht mitgenommen wurden, entschieden wir unser Glück vor einem Restaurant mit äußerst noblen Gästen zu versuchen. Wir stellen beide immer wieder fest, dass die Menschen mit viel Geld sehr gewillt sind zu helfen. Das sind die, die selbst so viel Selbstbewusstsein besitzen, dass sie denken, nichts mehr verlieren zu können. Anders ausgedrückt, das sind die, die nur noch so wenige Ängste haben, dass sie gerne Tramper mitnehmen. Vielleicht sehen sie in uns auch einen Teil ihrer selbst, so oder so, wir treffen die interessantesten Persönlichkeiten mit viel Geld. 

Wir befanden uns erst wenige Minuten vor dem Restaurant, ehe ein Mann Anfang 30 in Jogginganzug und Sportschuhen an uns vorbei ging. Wir sprachen ihn an, sogleich fragte er uns, ob wir auch englisch könnten, da unser spanisch noch sehr gebrochen ist. Erstes gutes Zeichen für mich, er hatte wirklich Interesse mit uns zu reden. Wir beschrieben ihm also unser Vorhaben. Er erzählte uns, dass er aus Sevilla gekommen sei zwecks eines Geschäftsessens mit einem Kunden. Leider müsse er kurz darauf wieder in Sevilla sein, ansonsten hätte er uns liebend gerne bis nach Cadiz gebracht. Zweites gutes Zeichen. Sein Treffen würde höchstens eine Stunde dauern, danach könne er uns immerhin bis zur nächsten besseren Auffahrt im Süden der Stadt bringen. Völlig selbstverständlich sagte er das. 

Dahin waren wir sowieso unterwegs und der Weg würde über eine Stunde dauern, weswegen wir gerne einwilligten und die Wartezeit nutzen würden noch andere zu fragen. 

Wir fragten uns, was er wohl beruflich mache, war er doch der einzige in diesem Laden ohne Hemd und Krawatte. Jakob erzählte mir in der Zwischenzeit, dass ihm vorhin jemand verraten hatte, dass ein Zug von hier bis Cádiz nur 2€ kosten würde. Also überlegten wir uns vom sportlichen Mann zum Bahnhof bringen zu lassen. 

Als er wieder raus kam signalisierte er uns zu seinem Auto zu folgen. Wir packten den Kofferraum mit unseren Rucksäcken voll und stiegen ein. Dieses Mal sitze ich vorne, bei Spaniern nimmt Jakob vorne Platz, da er sich besser mit Ihnen unterhalten kann und ich passiv dazulerne. 

Er erzählte uns, dass er studierter Anwalt sei. Er arbeite heute selbständig für das Militär, jedoch nur als Anwalt, da er keine Waffen möge. Er verdiene sehr gut und könne sich alle Freiräume leisten, die er braucht, da er meist nur nachmittags arbeitet. So hat er viel Zeit zum reisen und ebenso um seinen eigenen Interessen nachzugehen. 

Ich erzählte ihm, dass ich bis vergangenes Jahr gearbeitet habe, jedoch an einem Punkt im Leben angekommen war, an dem ich das Gefühl hatte mein Wissen nur noch zu wiederholen, jeden Tag die gleichen Menschen zu treffen und nicht mehr persönlich zu wachsen. Daher habe ich die Möglichkeit genutzt etwas Geld zu sparen und mich auf die Reise meiner Intuition zu begeben. 

Er verstand mich absolut. Er empfinde derzeit das gleiche. Oftmals höre er von Kollegen, wie gut es ihm ginge. Er habe so viele Kunden, immer zutun, dabei so viel Zeit und Geld. Sein Leben wirke auf andere immer wieder als Musterbeispiel. Sein erster Gedanke sei dann „Ja aber warum geht es mir so gut und dir nicht?“.

Die letzten Jahre habe er teilweise fünf Berufe gleichzeitig gehabt, er sei aktiver Fußballspieler gewesen und sei nebenbei noch ehrenamtlich tätig gewesen. Er hat viel leisten müssen, um heute diese Ausgangslage zu haben. Das sehen andere Menschen oft nicht. Wir sprachen über den eigenen Wandel. Darüber, dass wir nichts im Leben geschenkt bekommen und dass wir auf welcher Ebene auch immer erst alles mögliche tun müssen, um das gewünschte Resultat zu erhalten. 

Seine Zukunft sieht er nicht in seinem Beruf. Er sei bereits dabei einiges an Geld zur Seite zu legen. Dann möchte er sich ein großes Grundstück kaufen, auf dem er herrenlose Hunde aufnehmen möchte und sich dort um sie kümmert. Eine Hundedame habe er letztes Jahr bereits aufgenommen, sie sei sehr zeitaufwendig und krank, aber ihm ist es allemal lieber, dass diese Hündin bei ihm sicher ist, als alleine draußen. 

Er bot an uns zum Bahnhof zu fahren. Der sei im Zentrum und von dort aus würden wir für wenige Euros weiterkommen. Drittes Zeichen. Erst der Mann, der Jakob vom günstigen Zug erzählte, dann unsere Entscheidung ihn danach zu bitten uns zum Bahnhof zu fahren und nun schlägt er es selber vor. 

Er hat uns dann tatsächlich dorthin gefahren und ich habe die letzten Minuten im Auto genutzt, mich ausführlich für seine einladende Art zu bedanken, dafür, dass er uns so selbstverständlich geholfen hat und für all seine Zukunftsvisionen. Er wird seinen Weg machen. 

Mir hat diese Begegnung wieder mal gezeigt, wie wenig Klischees bedeuten müssen. Dass sich ein Militäranwalt, der in noblen Restaurants isst, so um uns und seine Mitwelt kümmert, das öffnet mir das Herz und lässt mich Gänsehaut bekommen. Die, die gut sind, finden wir überall. 

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