Der Mann, der das Glücksprinzip kennt

Wir haben Sonntag, 16:26 Uhr, seit zehn Stunden haben Jakob und ich niemanden an dieser Raststätte gefunden, der uns mitnehmen möchte/kann. Seit gestern Abend sind wir schon hier, bald ein ganzer Tag. Draußen regnet es in Strömen, es donnert und blitzt den ganzen Tag und die nächste Stadt steht unter Wasser. Wir kommen hier erstmal nicht weg, ohne Geld und Essensvorräte ist selbst das nicht weiter tragisch, aber eben auch nicht mehr ohne weiteres hinzunehmen, da uns spätestens der Hunger irgendwann auffressen wird. Bis jetzt wurden wir vor diesem schrecklichen Tod, von dem nettesten Mitarbeiter den ich je traf, bewahrt. 

Der Mann begann seine Schicht im Autobahnbistro gleich nach uns heute morgen, sodass er uns durch den Tag begleitete. Er fand sogleich Gefallen an unserer Weise zu reisen und suchte immer wieder den Kontakt zu uns, um seine Enttäuschung darüber mitzuteilen, dass uns wieder mal jemand nicht mitnehmen konnte. 

Am Mittag stand er einmal direkt neben mir, als ich meine ersten richtigen spanischen Gehversuche machte – ich ziehe es weiterhin vor auf englisch zu fragen, sofern die Antwort auf meine standardmäßige Einleitungsfrage „Do you speak a little bit english?“ ein Ja ist. Er kam danach auf mich zu und fragte, ob ich lernen wolle, wie ich meine Fragen auf spanisch besser formulieren könne. Natürlich! Ich war völlig aus dem Häuschen und hab mich mit großen Augen neben ihn gesetzt, Stift und Zettel hatte er schon parat. 

Bisher beschrieb ich unser Vorhaben kurz mit „Me amigo i yo vajajar, autostopp, direccio Sevilla.“ (Mein Kumpel und ich reisen, per Anhalter, in die Richtung Sevilla. – heißt das mit Fantasie übersetzt), danach endet mein Spanisch aber auch schon fast. Er ergänzte es um die Formulierung „Vamos a Sevilla“ (Wir wollen nach Sevilla) und diesen fantastischen formalen Satz „Seria tan amable de llevarnos?“ (Können Sie uns vielleicht mitnehmen?).  

Damit konnte ich auch schon einige Male punkten, aber mitgenommen hat uns noch keiner. Der Satz hat sich aber mittlerweile eingeprägt. 

Dieser Mann versorgte uns über seine authentische, interessierte und wertschätzende Art hinaus auch noch zwei mal mit Essen und mit einer Runde heißem Kakao für alle (wir sind derzeit zu dritt, ein weiterer Junge in unserem Alter kommt hier nicht mehr weg). 

Ständig tauschten wir Blicke aus, immer wieder lachten wir gemeinsam. Über die Stunden entstand eine mit und mit vertraute Stimmung zwischen uns allen, und zunehmend stieg meine Dankbarkeit für diesen Menschen an diesem Ort, der uns den Tag um ein Vielfaches schöner gestaltete. 

Am Ende seines Dienstes kam er zu uns, mit haufenweise Belag (Salami, die wir bald darauf weiterverschenkten) und einem Baguette, welches seinesgleichen sucht. Er sagte, er habe nur eine Bitte. Er wünsche sich, dass wir drei jemand anderem helfen, der unsere Hilfe braucht, dem grade kein anderer hilft und in dessen Leben wir durch unser Zutun Licht bringen können. Ich verstand ihn. Mir lief es eiskalt den Rücken runter. Ich habe seine Hand genommen und mich mit ganzem Herzen bei ihm bedankt. Gleichzeitig schloss ich den inneren Schwur seiner Bitte nachkommen zu wollen. 

Genau darum geht es in dem Film „Das Glücksprinzip„. Helfe drei Menschen, die nicht aus eigener Kraft in einer Situation weiterkommen, die auf fremde Hilfe angewiesen sind. Hilf Ihnen und bitte Sie dies bei drei anderen Menschen zutun, statt sich bei dir zu bedanken. 

Der Schneeballeffekt kommt ins Rollen. 

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