[Reiseblog] Im besetzten Haus in Barcelona

Nachdem Jakob und ich uns am letzten Tag in Barcelona wiedergefunden hatten, wurden wir zum Übernachten von Joc eingeladen, den wir an unserem ersten Abend in einer Bar kennenlernten. Joc war uns ein guter Freund für drei Tage gewesen. 

Wir wollten jedoch der Möglichkeit nachgehen Jakobs Freund aus gemeinsamen Zirkustagen außerhalb Barcelona’s zu besuchen. Bonnie alias Javi lebt dort mit sechs weiteren jungen Menschen in einem „Squad“ (Die Schildkröte), einem besetzten Haus. Eines von vielen Immobilien in Spanien, welches nach Spekulationen erbaut wurde und leer steht, offiziell jedoch der Bank gehört. Einige Male kam die Justiz bereits vorbei, es ist unklar wie viel Zeit die Bewohner dieser kleinen Gemeinschaft noch haben, ehe sie umziehen müssen. Bonnie rechnet mit einem bis vier Monate, die ihnen noch verbleiben. Umschauen möchte er sich weiterhin in dieser Gegend, oben auf den Bergen Katalaniens, verbunden zwischen Land und Großstadt. Für den einzigen Wasseranschluss im Garten, sowie für Strom zahlen alle Geld, der Rest ist geldfrei. Versicherungen oder Miete fallen natürlich weg, wenn man nicht gemeldet ist. Die Lebensmittel werden ausschließlich „recycelt“, also gerettet. Marie, eine der Bewohnerinnen, hat auch darüber hinaus einen Freund, der beim Bio-Supermarkt arbeitet und immer mal wieder Nahrung bereitstellt, die sonst verworfen würde. 

Bonnie ist ein interessanter Mensch. Mit 17 ist er zuhause ausgezogen, mit dem innigen Wunsch eine Gemeinschaft nach seinen Vorstellungen und Idealen aufzubauen, hatte jedoch keine Mittel zur Verfügung und beschloss daraufhin eben ein Haus zu besetzen. Das macht er nun seit vier Jahren, hat viel über Problemlösungen in menschlichen Beziehungen gelernt, sammelt Know-how beim Organisieren und Selbstversorgen, sowie handwerkliche Skills. Er lebt von und mit dem, was er für sich und alle erstrebenswert findet. Interessant fand ich, dass er seine Absicht die Welt zu verbessern in erster Linie als einen Akt des reinen Selbstüberlebens definiert. Recht hat er, und gut finde ich es auch. Die Zukunft aus Eigeninteresse verbessern zu wollen stellt sicher, dass die Beharrlichkeit aufrecht erhalten bleibt. 

Für ihn ist es eine große Stütze, dass alle Mitbewohner ihm mitgeteilt haben beim anstehenden Umzug dabei zu sein, weiterhin als Teil der Gruppe zu fungieren und so alle kommenden Widerstände gemeinsam lösen zu können. 

Die Gemeinschaft vefolgt einige interne Projekte, wenngleich jeder einzelne parallel seinen persönlichen Lebensweg geht. Julia studiert derweil Kunst in Barcelona, Sara studiert ebenfalls, Marie arbeitet und Bonnie macht ein Voluntariat im Bereich der sozialen Arbeit mit Jugendlichen. Adrian ist derzeit in Griechenland und hilft den Winter über den Flüchtlingen dort, und so weiter. Keinem ist langweilig, jeder arbeitet hart und viel, jedoch mit Leidenschaft bei dem, was seinen Wünschen und Begabungen entspricht und vergisst dabei nicht zu leben.  

Morgen werden wir einen Hühnerstall bauen, damit zukünftig mit eigenen Eiern etwas Geld erwirtschaftet werden kann. Bereits letztes Jahr gab es hier einige Hühner, doch ohne Unterkunft für diese war es schwierig aufgrund diverser Komplikationen (Hund isst Hühner, Hühner scheissen alles voll…). Zudem wird eine eigene Biobierbrauerei hier betrieben werden, die ebenfalls etwas Geld einbringen wird. Aus der Gemeinschaft soll in Zukunft ein Ökodorf entstehen, dies hier ist lediglich einer der ersten Zwischenschritte für das, was alle vor Ort in Zukunft erschaffen möchten. Der Weg ist noch lang, zumal ökologisches und emotionales Wissen über die Jahre noch angeeignet werden muss. Learning by doing. 

Bonnie ist bereits dabei ein neues Grundstück zu scouten. 

Im Squad wird alles miteinander geteilt, deins und meins gibt es nicht. Kein Eigentum im klassischen Sinne. Probleme möchten alle umgehend miteinander kommunizieren, wozu wir zu den vier Säulen des Projekts kommen, die Bonnie uns vorhin auf dem Balkon erklärte, ich Sie auf Deutsch allerdings weniger gut wiedergeben kann:

Logistic (Organisation, Aufgaben, Dinge die getan werden müssen, Verteilung, Verantwortungsbereiche klären usw); Economics (Wirtschaft auf dem Grundstück, Geldeinnahmequellen, Landwirtschaft…); Emotions (persönliche Anliegen, aktuelle Probleme bzw Wohlbefinden, eigene Freiräume nehmen); Ekole (Freizeit, die dem persönlichen Wachstum dient, Training bzw Ausübung von Begabungen) 

Einmal pro Woche werden wirtschaftlichen Themen gemeinsam besprochen und für die kommende Woche geklärt. 

Einmal pro Monat gibt es ein ausgiebiges Treffen, das letzte habe elf Stunden gedauert, zum emotionalen Befinden jedes einzelnen, um jedem die Räume bieten zu können, nicht jedoch im räumlichen Sinne, die er braucht. 

Wir werden noch einige Tage hier bleiben und uns danach wahrscheinlich vorübergehend trennen. Jakob möchte eine alte Freundin im Norden Spaniens besuchen, ich werde nach Valencia aufbrechen. Dort finden wir uns dann wieder, um den Rest der Strecke bis zu den Kanaren zu reisen. 

Oder es kommt alles ganz anders, man weiß ja nie 😀

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