[Reiseblog] Au revoir Jeanette, Bonjour Wildnis!

Die zwei Tage in Arles mit Jeanette sind nun vorüber, vor wenigen Minuten haben wir uns verabschiedet. 

Geschlafen haben wir beide bei Jean-Christian, einem 65 jährigen Mann, den Jeanette über das Couchsurfing kennenlernte. Für mich das erste Mal, dass ich diese Plattform indirekt genutzt habe und wohl auch für längere Zeit das letzte Mal. Mich hat das Couchsurfen nie wirklich angesprochen, vielleicht ist es nicht „mein Ding“, vielleicht ist mir die Art der Begegnungen aber einfach zu unnatürlich. Zu sehr Bestandteil der Welt, in der ich mich eigentlich kaum noch sehe. Ich fühle mich zu sehr in der Rolle des Touristen dabei, weniger als eigenständiger Entdecker. Zumal Kompromisse beim Couchsurfen auf beiden Seiten immer wieder geschlossen werden müssen, in welcher Art auch immer. Ich bevorzuge weiterhin selbst klarzukommen bzw. Einladungen von Herzem anzunehmen, die mit Sicherheit mehr natürliche Freude auf beiden Seiten garantieren. 

Der erste Abend war etwas schleppend. Der Kontext innerhalb dessen wir Jean-Christian begegneten erschwerte es uns zunehmend eine wahrhaftige Nähe aufzubauen. Seine Frau war acht Tage zuvor verstorben und er betonte immer wieder, dass sie gewollt hätte, dass er die Wohnung für andere zur Verfügung stellt. Dieser Akt gebe ihm und seinem Zuhause „wieder einen Sinn“. Nun war mir unweigerlich bewusst, dass seine Haltung mit Erwartungen verbunden sein musste. So war es auch. Wir verstanden uns erst immer besser, er war begeistert davon mit mir über Krishnamurti und Khalil Gibran reden zu können, wünschte sich jedoch gleichzeitig von uns in Ruhe gelassen zu werden, aber auch eine Mahlzeit am Tag mit uns gemeinsam einzunehmen. Das stehe schließlich in seinem Profil, welches verbindlich sei. Ich habe sein Profil vorher nicht gelesen, da Jeanette den Aufenthalt organisierte (draußen war es zu kalt), aber war etwas verwirrt darüber, dass er uns ohne zielgerichtete Kommunikation und mit der ausdrücklichen Bitte ihn tagsüber alleine zu lassen, vorwarf, dass wir unkorrekt ihm gegenüber seien, weil wir nach unserer Ankunft am Abend ein wenig zu zweit im Zimmer aßen – statt mit ihm. Ich habe umgehend das Gespräch gesucht, hatte sowieso noch weiteren Hunger, aber er blockte ab diesem Zeitpunkt nur noch ab, schimpfte auf seiner Muttersprache für uns unverständlich und es kam zu keiner weiteren Aussprache mehr. 

Für uns ist das okay, aber schade um ihn. Mir tut es leid, dass er womöglich nach dieser Erfahrung keine Couchsurfer mehr dulden wird, den Eindruck hinterließ er jedenfalls auf mich, aber an dieser Stelle muss ich die Grenze ziehen, wann eine Angelegenheit mein Problem ist und wann die eines anderen. 

Die Zeit mit Jeanette gestaltete sich dafür umso besser und es sollte sich in vielerlei Hinsicht als Fügung herausstellen, dass wir uns hier trafen. 

Zwei Exoten in einer Touristenstadt: Jeanette mit Rad, ich mit Rucksack


Es kommt einfach alles, wie es soll

Wir haben haufenweise reflektierende Gespräche geführt, innerhalb derer wir uns gegenseitig ein stetiger Spiegel waren. Oft habe ich lachen müssen, weil ich das Gefühl bekam mit mir selber zu diskutieren. Immer wieder kam sie mit allgemeingültigen Aussagen, die meine zunichte machten, aber einfach stimmten. Zum Beispiel, dass die Situation mit Jean-Christian nunmal so ist und eben seinen Grund hat, auch für ihn eine Lektion darstellt und es wohl vergebens wäre sich zu verbiegen, nur um Harmonie zu schaffen. 

Wir haben über die Unterschiede von Glück und Freude, über Zufälle und das Leben draußen gesprochen, wobei bei ihr die Sehnsucht nach der Natur rasant stieg. Letztendlich haben wir heute morgen einen warmen Schlafsack für sie besorgt, da auch sie nach nun fünf Monaten Couchsurfen wieder draußen schlafen möchte. Sie merkt, was auch ich im Gefühl habe, dass das Couchsurfen nicht ihrer Vorstellung eines freien Lebens und wirklichen Miteinanders entspricht, obwohl sie weitestgehend gute Erfahrungen gemacht hat. Es zieht sie nach draußen und so kam es, dass sie mir einen ihrer dünneren Schlafsäcke überließ. Damit war es also doch hervorragend, dass ich mir neulich keinen gekauft habe, denn nun habe ich einen leichten Schlafsack geschenkt bekommen. 

Am Abend habe ich aus den gesammelten Predigten meines verstorbenen Cousins Roberto vorgelesen. Mir ist aufgefallen, dass ich Bibelverse automatisch dechiffriere. Früher hätten mich viele der Texte, in denen es ums Christentum, diesen Jesus oder Gott handelt, abgeschreckt. Das hatte alles irgendwie etwas sektenartiges. Heute verstehe ich zunehmend, was mein Religionslehrer damals meinte, als er sagte, die Bibel wörtlich zu verstehen werde ihrer wahren Bedeutung nicht gerecht. Als Beispiel: wenn ich Gott lese, bedeutet das Liebe. Oder Natur. Oder die Magie, das Wunder des Lebens. Jesus steht für mich nicht für eine historische Person, als die er zweifelsohne anklagbar und zu hinterfragen wäre, wie jeder Mensch. Sein Name steht symbolisch für die Werte, für die er eintritt. Klugheit. Gerechtigkeit. Tapferkeit. Maß. Authentizität. Nächstenliebe. Ein lebensbejahendes Leben, innerhalb dessen kein Leben weniger wert ist, als ein anderes. Mit Christen sind alle Menschen gemeint. Und so weiter. Und plötzlich, wenn ich es so lese, werden daraus spirituelle Texte mit der Kraft die Türen zur Wahrheit zu öffnen. Man versteht die Bibel wieder als das, was sie einst mal war und kehrt ab von diesem schrecklichen menschengemachtem mythologischem Überbau, der nichts mit den Kernaussagen zutun hat. 


Sehenswürdigkeiten und Demonstrationen sind Unsinn

Zwei weitere meiner inneren Haltungen habe ich bestätigt gesehen, während wir am Tag lange in der Stadt unterwegs waren. 

Zum einen muss ich wiederholt feststellen, dass der Reiz der meisten Sehenswürdigkeiten künstlich ist. Ich lade jeden dazu ein, mir einen Kommentar zu hinterlassen, warum er Sehenswürdigkeiten betrachten mag. Ich finde den Reiz einfach nicht, echt nicht. Mich fasziniert es teilweise, zu was Menschen damals anscheinend in der Lage waren. Amphitheater,Colloseum,Kathedralen… Den Großteil der Bauwerke würden wir heute nicht mal mehr schaffen zu errichten. Aber das ursprüngliche Gebäude ist zumeist mit Parkplätzen, Zäunen und sonstigen im Nachhinein platzierten Augenkrebsverursacher verziert, dass überhaupt kein Flair mehr vorhanden ist. Keine Atmosphäre. Es bleibt ein großes Gebäude umringt von Unsinnigkeiten. 

Am Nachmittag hatten wir die Möglichkeit an einer Demonstration teilzunehmen. Organisiert von leidenschaftlichen Radfahrern – für breitete Straßen und mehr Abstand zu Autofahrern. 

Angesichts der Schwierigkeiten, durch die die indigene Bevölkerung in Dakota sich derzeit gezwungen sieht zu protestieren, erschien mir dieses Vorhaben als Luxusproblem. Nun gut, grundsätzlich bin ich als ehemaliger Autoliebhaber dennoch auf der Seite der Radfahrer, Vorlieben hin oder her, es geht darum, was richtig ist. 

Allerdings ließ die Organisation zu wünschen übrig. Ein Dutzend Menschen stand mit Schildern am Straßenrand – das war es. Sie ernteten die Missgunst der Autofahrer, die höchstens minimal gestört wurden und ein Lächeln der anwesenden Polizisten. Wofür also das Ganze? 

Und diese Frage habe ich mir bereits vergangenes Jahr gestellt, als ich auf wunderbar organisierten Demos in Deutschland gegen TTIP und dem Klimawandel war. Mehrere hunderttausend Menschen kommen an einem Tag zusammen, um durch die Straßen zu ziehen. Das muss man sich mal reinziehen, wie viele Menschen das sind. Genauso viele, wie wöchentlich deutschlandweit in allen Fussballstadien des Landes zusammenkommen. Und was fruchtet daraus? Nichts. Einfach nichts. Da treffen sich eine halbe Millionen Menschen und gehen am Abend wieder nach Hause, als ginge es dabei nur um Entertainment. 

Was ich mir vorstelle? Ungehorsamkeit. Dreistigkeit. Die Pistole auf die Brust setzen und mit dem Nachladen erst aufhören, wenn Entscheidungen gefallen wurden. Es wäre ein Leichtes die Politik eines Landes zu beeinflussen, würden sich an nur fünf Orten im Land jeweils 10.000-100.000 Menschen versammeln, so kann sich jeder etwas in seiner Nähe aussuchen (Stichwort: Dezentralisierung) und dann besetzen wir gemeinsam die Ämter, Banken, Konzerne und Regierungsgebäude. Wer soll denn etwas dagegen tun? Damit ist jegliche Polizei überfordert. Bevor alle wegen zivilem Ungehorsam eingesperrt werden, geht der deutschen Bürokratie bereits das Papier zuende und die Regierung sehe sich genötigt etwas zu unternehmen, um die Meute zu beruhigen. Wir sind das Volk! 

Ps: Dieses Mal zwei nicht so gute Nachrichten. Mein Handyakku scheint zu sterben. Ich fürchte in absehbarer Zeit meine Verbindung zur Außenwelt zu verlieren, sowohl keine Musik mehr hören zu können. Und meine Grasvorräte neigen sich dem Ende. Ich hab mir dieses Leben ausgesucht, jetzt muss ich da wohl oder übel durch. 

Meine Route für die kommenden drei bis vier Tage

 

ein Kommentar

  1. Alles Gute an Jeanette! inspirierender Beitrag und schöne Bilder 🙂
    LG aus dem Hotel in Trentino!
    http://www.hotelcristallotrentino.it/de

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