[Reiseblog] Mit Jeanette in Arles

Okay, ich ergebe mich. Ich gestehe, dass ich geschummelt habe, wenn ihr es denn so sehen wollt. 

Gestern morgen bin ich aufgestanden mit der Überzeugung mir einen gemütlichen Tag zu machen. Die 25km vom Vortag spürte ich zwar nicht mehr, aber das sollte schließlich auch so bleiben. Ich ließ mir also am Morgen ausreichend Zeit, gönnte mir noch eine Tüte und verließ mein Lager erst gegen 12 Uhr. Da mein Handyakku derzeit den Geist aufzugeben scheint und sich wortlos abmeldet, musste ich eben ohne Navigation den nächsten Ort finden. Ich war zuversichtlich drauf, was mich angesichts meiner phasenweise Zweifel am Vorabend selber kurz überraschte. Ich hatte mir nämlich einen Gesprächspartner und eine kurzweilige Aufhebung meiner Einsamkeit gewünscht. 

Die erste Frau, die mir nahe einer Schule begegnete, konnte leider wieder mal kein Englisch. Die Vergangenheit hatte mir jedoch gezeigt, dass unabhängig davon wie viele Enttäuschungen man meint zu erleben, in jeder neuen Begegnung wieder neues Potential wartet. So war es dann auch, denn ich schien an diesem Tag wieder spürbar im Flow zu sein. Diesen Zustand betrete ich dann, wenn ich ausschließlich meiner Intuition folge, mit den Gedanken nirgens anders bin, nichts bewerte und urplötzlich alles, wie an einem roten Faden zu laufen scheint. Die Dinge funktionieren einfach, fühlen sich gut an und alles macht unmittelbar einen Sinn. 

Die zweite Frau, die grade ihren Sohn zum Bus bringen wollte, bot mir nämlich, auf meine Frage nach dem Weg zur nächsten Stadt, an, dass ich mit zu ihr nach Hause kommen könne. Sie würde mir Wasser geben können. Ganz so leicht kam ich jedoch nicht davon, denn auch eine Dusche und die Aufladung meines Handys bot sie mir an, inklusive WLAN. Musste mein Glückstag sein, dachte ich. Vor ungefähr einem Jahr, als ich Jens Fröhlke auf seiner geldfreien Wanderung durch Deutschland erstmals begleitete, beschloss ich, nicht weiter blind jede Hilfe anzunehmen, da damit teilweise Konsequenzen für den Helfenden entstehen. Diese Frau, Michelle, tat es jedoch gerne und so bin ich ihr zu großem Dank verpflichtet. Nicht, weil sie mir geholfen hat, sondern, weil sie es liebend gerne getan und es mich spüren gelassen hat. 

Sie berichtete mir, dass sie vor fünf Monaten mit der ganzen Familie auf Teneriffa gewesen seien und zuhause zeigte mir ihre Tochter die Urlaubsfotos. Uiiiii, die waren wirklich schön! Gut, dass ich dahin möchte. 

Sie sagte mir, dass zwei ihrer Freundinnen neulich für ein Jahr um die Welt gereist seien. Ihre Aufmerksamkeit für Reisende habe sich dadurch geändert. Sie ist froh mir helfen zu dürfen, denn sie ist selbst Mutter und möchte, dass ihre Kinder auf Reisen ebenso gut behandelt werden. Danke für dieses Denkmal an Nächstenliebe! 

Während ich so auf meinem Handy surfte las ich eine Nachricht von Jeanette. Sie hatte mich über die FB-Seite benachrichtigt und ist derzeit mit dem Rad durch Frankreich unterwegs, ganz in meiner Nähe! Wir haben uns für heute in Arles verabredet, das zu diesem Zeitpunkt noch 38km entfernt lag und Zufuss nicht an einem Tag zu schaffen gewesen wäre. Zumal ich sowieso nach Arles wollte und der einzige Weg dahin über eine stark befahrene Straße führte. Es war die Einladung schlechthin zu trampen und Vorhaben hin oder her, ich bin doch flexibel. 

Nachdem ich rundum versorgt war brachte mich Michelle noch zur Autobahnauffahrt. Es fuhren wirklich viele LKW-Fahrer hier lang, jedoch machten sie dubiose Handzeichen, die ich nicht verstand. Scheinbar wollten sie mir mitteilen, dass sie die nächste Ausfahrt runter mussten, aber das machte keinen Sinn, da die Straße meines Wissens nach nur nach Arles führt.  

Nach wenigen Minuten hielt einer, den ich erst wahrnahm, als er 10m hinter mir anhielt und laut hupte. Er nahm mich zwar nur wenige Kilometer mit, zeigte mir jedoch, dass dort ein Kreisverkehr sei, wo erst die Straße nach Arles begann. Danke mein Freund, ich hätte sonst noch lange gewartet! 

Von dort aus dauerte es nur zwei Minuten, bis ein älterer Mann in einem Citroën Baujahr 1974 hielt. Er war klasse und sein Wagen ebenso! Da Olivier nach Montpellier wollte, lag Arles auf seinem Weg und so unterhielten wir uns eine halbe Stunde lang in gutem Englisch übers Reisen und seine Erfahrungen in Spanien. Er empfahl mir einen Strand namens „Marbella“ nahe Sevilla, dort würde ich wohl viele schöne Menschen treffen *hust*. Außerdem erzählte er mir, dass er einst in Lloret de Mar Gerd Müller getroffen hatte! Der „Bomber der Nation“ muss anscheinend ein Säufer vor dem Herrn gewesen sein. Soll ihm gegönnt sein, er hat nichts verdient und die Fußballer heute dürfen nichts trinken. Das nenne ich ausgleichende Gerechtigkeit. 

War nicht mehr der richtige Moment für ein Foto, aber das Auto ist spitze! Fährt seit 42 Jahren einwandfrei.


Ich sitze derzeit im McDonalds, mitten im Gewerbegebiet und bin ganz gespannt darauf Jeanette gleich kennenzulernen. Das ist schon ein lustiges Gefühl. Vor genau einem Jahr bin ich über FB mit Jens Fröhlke in Kontakt getreten und habe ihn begleitet. Heute kommt jemand zu mir, über meinen Blog. Wie sich Situationen doch entwickeln…

Nebenan ist übrigens auch ein Decathlon und da die Temperaturen hier nachts drastisch gesunken sind, habe ich beschlossen doch noch etwas zu kaufen, was mich warm hält. Ich habe sowohl in Bremen, als auch in Hamburg verpasst meine Isomatte zu flicken und muss jetzt leidend feststellen, wie kalt der Boden werden kann. Sehr kalt. Mit dem folgenden Foto möchte ich einmal demonstrieren, wie gut ich mit Geld umgehen kann. Zur Erinnerung, ich bin in den Laden rein mit der Intention etwas wärmendes zu besorgen: 

Gürteltasche, Solaradapter,Flickzeug für meine Isomatte und eine Kopflampe


Ich denke dazu muss man nichts mehr sagen. Ich werd die Nächte schon irgendwie schaffen, auch wenn es in Socken, länger Unterhose,Pullover,Jacke,noch eine Jacke,Mütze und Schlafsack schon arg grenzwertig war diese Nacht. Dafür hab ich jetzt Licht und bin nicht mehr auf Strom angewiesen! Geil oder. 

Wenn ich nicht erfroren bin, lesen wir uns demnächst. 

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