Journey to La Gomera

Es ist so weit. Lange habe ich darüber gesprochen, nicht wenige Zweifel haben dafür gesorgt, dass ich mir selbst schon nicht mehr sicher war, ob ich diesen Weg noch weitergehe oder kapituliere.
Doch mich ruft etwas nach La Gomera.

Los Roques

Das meine Damen und Herren ist mein erklärtes Ziel

Janosch (der mit dem kleinen Tiger und der Tigerente), mit bürgerlichem Namen Horst Eckert, hat lange auf La Gomera und Teneriffa gelebt. Neulich durfte ich sein Buch „Gastmahl auf Gomera“ („Eine Autobiographie, die keine sein will und auch keine ist, Ein Anarchist des Leben-und-leben-lassens. Ein wunderbares Buch.“) lesen, welches ich jedem begeisterten Leser nur dringendst empfehlen kann.
Nicht nur die politischen Lebensumstände seiner Jugendzeit, sondern auch die häuslichen Bedingungen haben diesen am Ende doch so erfolgreichen Mann genau das werden lassen, was er ist – ein bescheidener, in sich ruhender Mensch mit einer sehr genauen Beobachtungsgabe, nicht lieb – aber sehr liebenswert. Darin beschreibt er jedenfalls, dass ihn eine wunderliche Magie auf die Kanaren geführt hat, er nie einen rationalen Grund für seine Wahlheimat hat finden können.

Mir geht es ähnlich. Ich spüre, dass mir etwas geschehen wird, was eine enorme Reichweite in meinem Leben haben wird. Ich merke, wie es mich nach La Gomera zieht, ohne dass ich überhaupt weiß, was mich dort erwartet oder was ich dort treiben werde.
Und es wird, als sei das nicht bereits ausreichend, ein neues Kapitel werden. Vielleicht wird es das auch nicht, aber ich merke, dass ich mich jetzt bereits im Umschwung befinde.
Das vergangene Jahr habe ich nahezu ausschließlich bei Freunden oder zumindest mit weiteren Menschen verbracht. Ich war nie wirklich alleine, zumindest nicht länger, als einen Tag.
Ich behaupte zwar, aufgrund bisheriger Erfahrungen, dass mir das Alleinesein gut gelingt – ohne mich dabei einsam zu fühlen – aber es bricht nun etwas in meinem Leben an, bei dem ich weitestgehend auf mich gestellt bin. Ich werde erstmals auf dem Weg nach La Gomera durch Länder reisen, deren Sprache ich nicht beherrsche. Ich bin erstmals wirklich länger weg, ohne Anbindung an bekannte Menschen, geschweige denn Menschen, die mich wirklich gut kennen. Es wird eine Zeit werden, in der ich der Einsamkeit sicherlich begegnen werde. Spätestens dann, wenn ich – davon träume ich derzeit – auf La Gomera einige Wochen nahezu nur mit mir selbst am Meer leben werde.
Ich freue mich auf neue Erfahrungen und Erinnerungen, mit neuen Menschen, in neuen Ländern, in einem neuen Leben.

Es erinnert mich ein wenig an meine drei Jahre in Aaachen, während der Ausbildung. Damals bin ich beinahe ohne jemanden zu informieren weggezogen und habe mir binnen der Ausbildungszeit ein neues „Ich“ aufgebaut, sodass die Menschen aus Aachen mich in ganz anderen Augen sahen, als die aus der Heimat. Das war spannend und wirkte wie ein Katalysator für Selbsterkenntnisse. Nun ist wieder so eine Gelegenheit Gewohntes hinter sich zu lassen und sich wiedermal völlig neu zu entdecken.

Die letzten Tage habe ich abschließend Sara, Rene, Marvin, Phil und Omid in der Heimat, Lilan in Wuppertal, Jens in Bremen und aktuell Karl, Jule und Elena in Hamburg besucht. Lukas kommt sogar morgen aus Regensburg noch angereist. 

Ich genieße die letzten gemeinsamen Momente noch bis Montag Mittag, ehe mein Bus nach Lyon (Frankreich) abfährt.
Dort werde ich drei Tage lang Jan besuchen, ein Freund aus der Heimat, der dort aktuell studiert und mit dem ich bisher nie alleine Zeit verbracht habe. Jan ist der Knaller, von wenigen Menschen, erzähle ich öfter Geschichten. Bei kaum einem sind sie so lustig.
Wie beschreibt man Jan… er ist so’n Typ, der nach einem Führerscheinentzug entschließt sich spontan in wenigen Stunden ein Floß zu bauen, um mit seinen Kumpels, die einige Kilometer den Fluss entlang wohnen, gemeinsam Bier trinken zu können.
Er ist einer von denen – und dahingehend inspiriert er mich am eindrucksvollsten – der viele Wege findet, statt Grenzen zu sehen.
Jan ist ein wahnsinniges Genie und ich freue mich auf die gemeinsamen Geschichten nach einer halben Woche in Lyon. Zusammen werden wir kommenden Freitag nach Marseille weiterfahren, von wo aus ich wieder alleine sein werde und mir die Küste bis zur spanischen Grenze und danach Barcelona, Valencia und Sevilla vornehmen werde.

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Hafen von Marseille, von hier gehts weiter gen La Gomera

Ich werde mir ab Marseille viel Zeit lassen. Ganz viel Zeit lassen. Zufuss oder trampend werde ich mich fortbewegen, gemächlich meinem Ziel La Gomera nähernd.
Womöglich brauche ich Wochen bis Monate, es eilt nicht. Ich habe Zeit, viel Zeit. Und viel Raum auch während dieser Reise noch spontan zu bleiben. Ich denke in drei Monaten schaffe ich die knapp 1500km, weitestgehend entlang der Küste, Zufuss. Klingt nach Entschleunigung! 
Ich habe jedoch keinerlei Erfahrungen mit dem Trampen im Ausland, geschweige denn über Landesgrenzen hinweg und noch weniger über’s Meer. Trotzdem reizt mich die Vorstellung es auf unbekannten Wegen, möglichst geldfrei, bis zu den Kanaren zu schaffen.
Es ist nicht lange her, da hätte ich so ein Vorhaben im Leben nicht freiwillig erdacht. Ich wollte mich zum Schlafen in meine warme Decke kuscheln, fand Insekten in Schlafplatznähe furchtbar, nachts war mir draußen zu kalt und allgemein wofür eigentlich der ganze Aufwand mit Zeltaufbau und wandern?!
Doch die harte Schale des Egoismus lässt sich ohne rauhe Eingriffe nur schwer entfernen und so bin ich heute dankbar für jeden Pfad, den ich wählen kann und noch nicht kenne.

Sich auf Neues einlassen zu können erscheint mir mittlerweile mit einer lebensbejahenden Haltung zutun zu haben. Wie kann ich gleichzeitig „Ja“ zum Leben sagen und doch nichts verändern wollen? Gestern Abend habe ich mich mit Jule länger darüber unterhalten. Ihr Bruder verstarb früh. Heute ist sie dankbar für das Bewusstsein, dass der Tod ansteht. Es gibt Ihr Bewusstsein für das Leben. 
Ich gehe gerne den radikalen Wandel, wohlwissend, dass ich zu träge bin, um mich schleichend anzupassen.
Mit der Zeit habe ich dadurch nach und nach viele Schranken des rationalistischen Denkens und der unterbewussten Vorbehalte niedergerissen, hinter denen sich meine Persönlichkeit gewöhnlich verschanzt hat.
Die Belohnung dafür war und ist eine mühelose Übereinstimmung mit meiner Außenwelt, dass ich vertrauensvoller und nachsichtiger werde und andere dieses Verhalten mir gegenüber spiegeln. Ich habe zudem Zugang zur schweigende Liebe gefunden. Kennt ihr sie? 

Die Liebe zum Leben.

Wenn mich jemand fragt, ob mich auf La Gomera das Paradies erwartet… Ich weiß es nicht, aber ich stimme Janosch zu, wenn er sagt „Das Paradies ist ein Zustand“, kein Ort.

ein Kommentar

  1. Ich freue mich, Deine Reise hier zu verfolgen – super spannend! 🙂

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