Der Erste soll der Diener aller sein

Ja, am Anfang der Menschheitsgeschichte herrschte (der Bibel nach) eine kurze Zeit der Sorglosigkeit vor: 

Die ersten Menschen mussten sich im Garten Eden keine Sorgen machen, weder für ihren Lebensunterhalt hart arbeiten, noch hatten sie das Gefühl, dass ihnen irgendetwas fehlt. Auch wenn dies ein mythologisches Bild der ersten Menschen darstellt, drückt es doch die Grundsehnsucht von uns aus: das sich sehnen nach Heil, Frieden, Sorglosigkeit, dem Ganz-Sein, dem Glücklich-Sein. Stattdessen tritt schon kurze Zeit nach dieser Anfangsepisode der Verführer in der Gestalt der Schlange* auf die Bühne der Weltgeschichte und verspricht: Sobald ihr davon esst [von der verbotenen Frucht des Gartens], gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse. (Gen 3,5)

Die Übertretung des göttlichen Gebotes im Anwenden der eigenen kreatürlichen Freiheitsentscheidung, macht den Menschen zu Gott. Indem der Mensch also seine ihm zuerkannte Freiheit gebraucht, wird er faktisch wie Gott. Das unterscheidet ihn von allen anderen Geschöpfen, die nicht aufgrund einer inneren Freiheit, sondern nur aufgrund von Instinkten und Ihrer in sie hineingelegten Wesenheit handeln und existieren. 

Im Gebrauch der Freiheit hat der Mensch ein göttliches Prinzip, ein göttliches Merkmal eingepflanzt bekommen. Insofern stimmt der erste Teil des Versprechens der Schlange: im Gebrauch der Freiheit sind wir Menschen wie Gott, ihm ähnlich. Aber, der Verführer hat auch zu viel versprochen, denn im Gebrauch dieser uns zugestandenen Freiheit, pendeln wir nur zu oft vom Guten zum Bösen, zu Egoismen, zu Einseitigkeiten, zur Lieblosigkeit. 

Die Grundkonstante menschlichen Tuns macht uns dann eben auch gottfremd, denn wir verwirklichen in unserem Leben oftmals das, was eben nicht Gottes ist, was nicht Liebe ist. Eines ist uns Menschen jedoch durch das Wort der Schlange in Mark und Bein gefahren: der Wunsch, so zu sein wie Gott. 

Darin spiegeln sich unsere Allmachtsphantasien wieder, die wir in unserer größenwahnsinnigen Überschätzung glauben zu besitzen. Jesus beschreibt zur Verdeutlichung Allmachtsphantasien von uns Menschen, die er auch aus unseren aktuellen Zeitungen und Nachrichten hätte entnehmen können. Die Herrscher unterdrücken ihre Völker (Mk 10,42). Da denken wir zuallererst an Syrien, vielleicht an China, Nordkorea, aber wir müssen da gar nicht so weit gehen. Denken wir auch an Weißrussland, die Ukraine, die Türkei. Und die Mächtigen missbrauchen ihre Macht (Mk 10,42). So fallen mir die Manager unserer Großindustrien ein, denen es nur noch um Profit geht, die Finanzjongleure in den Banken, die mit Milliarden, die ihnen nicht gehören, pokern, die bestechlichen Politiker und Beamte. Alle diese ergehen sich in ihren geheimen Allmachtsphantasien so zu sein wie Götter, keinem Rechenschaft schuldig zu sein, das Recht und das Gesetz bis zur Unkenntlichkeit zu verbiegen und am Ende Herren zu sein über Leben und Tod. 

Die Verheißung Jesu ist aber eine andere: bei uns soll es nicht so sein! (Mk 10,43) Der Erste soll der Diener und Sklave aller sein. 

Geht es Ihnen hierbei so wie mir? Läuft Ihnen da ein kalter Schauer den Rücken herunter? Bei uns, in unseren Kreisen soll es anders zugehen! Wir sollen Diener Anderer sein. Diener und Dienst, diese beiden Worte sind bei uns so ziemlich aus der Mode gekommen, kaum einer möchte der Diener eines Anderen sein, vielleicht noch dienstbar, hilfsbereit dem Anderen gegenüber, aber sein Diener? Das heißt aber nichts anderes, als dass diejenigen, die Verantwortung haben und Leitung ausüben, was ja nichts Schlechtes ist, denn es braucht Menschen, die etwas verändern, formen und in Gang setzen können, dass diese jedoch die Anderen in ihrem Menschsein stützen und ihre Potentiale entfalten. 

Das sind die wirklich Mächtigen, die die Fähigkeiten Anderer fördern, ohne die Angst zu haben, selbst zu kurz zu kommen. Diejenigen, die in guter Weise ihre Macht gebrauchen, bauen auf, wo etwas zerbrochen ist, sprechen Mut zu, wo Hoffnungslosigkeit herrscht, und weisen neue Wege dort, wo der Pfad bereits zertreten ist. 

Ein Diener im Sinne Jesu ist derjenige, der die Fehler und Schwächen des Anderen nicht bloßstellt, sondern mit seinem eigenen Vermögen ergänzt und ausfüllt. Der Mächtige erweist hier seine wirkliche Macht, indem er dem Anderen in dessen Unfähigkeit zur Seite steht: das ist die Verwirklichung des Göttlichen im Menschen. 

In unserer freien Entscheidung zu einem solchen Leben, erfüllen wir das göttliche Wesen in uns! 

– Predigt von Roberto Medovic (20.10.2012)
* ich beginne damit die biblische Schlange im Garten Eden zunehmend als unser Denken, unser Ego, unseren Verstand zu verstehen. Erst durch den Gebrauch unseres Verstandes können überhaupt erst Unterscheidungen und Bewertungen wie Gut und Böse entstehen, so wie die Schlange es angedeutet hat. Indem wir die Wahrheit sehen, wie sie ist (oder meinetwegen mit Gottes Augen), erkennen wir kein Gut und Böse mehr, sondern eher Ursache und Wirkung. Und indem wir eine Ursache erkennen, eröffnen sich uns weitere Möglichkeiten. Wir erhalten die freie Wahl zwischen diesen zu wählen, in jeder Lebenssituation und können dann erst radikal eigenverantwortlich leben. 

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