Vom Ameisenvolk zu den Pforten des Unbekannten

„Bewege dich nicht“, dachte ich mir. „Schau genau auf das, was du vor deinen Augen hast.“

Eine Ameisenkolonne. 

Ameisen gelten allgemein als sehr klug, verfügen über Erinnerungsvermögen, Intelligenz, Organisationsfähigkeit, Opfergeist. Sie sammeln im Sommer Nahrung, horten sie für den Winter, und jetzt gehen sie in diesem eisigen Frühling wieder hinaus, um zu arbeiten. Würde morgen die Welt von einem Atomkrieg zerstört, würden die Ameisen überleben.

Ich habe meinen Beruf aufgegeben, weil ich unterwegs sein, lernen, nicht sesshaft werden wollte. Schon als Kind war ich fasziniert von diesen Menschen, die irgendwie anders waren, gegen den Strom schwammen. Glücklich zu sein schienen ohne sich anzupassen. (Etsi omnes, ego non) Die, die ihr Ding machten. Irgendwie wirkten die authentischer und erfüllter.  

Ich war kein Krankenpfleger, der in seinem Job auf einer wundervollen Psychiatriestation alles hatte, denn mein Traum war, meine Intuition im Umgang mit anderen zu leben und darauf zu vertrauen, dass wir gemeinsam psychische Schwierigkeiten meistern können, anstatt blind unsere eigene Verantwortung an Regeln, Ärzte und Therapeuten abzugeben. Bis mir eines Tages ein Licht aufging. Ein Licht? 

Nehmen wir mal an, dass du beim Anblick der Ameisen, die genau das tun, wozu sie bestimmt sind, ausrufst: „Das ist ja phantastisch!“ 

Die Wächter sind genetisch darauf vorbereitet, sich für die Königin zu opfern, die Arbeiter schleppen Blätter, die zehnmal schwerer sind als sie selbst, die Ingenieure bauen Tunnel, die Stürme und Überschwemmungen überstehen. Sie liefern sich tödliche Kämpfe mit ihren Feinden, leiden für die Gemeinschaft, aber sie fragen sich nie: „Was machen wir hier?“ 

Wir Menschen versuchen, die vollkommene Gesellschaft der Ameisen nachzuahmen, und ich als Krankenpfleger erfüllte meine Rolle, bis ich mich fragte: „Stellt dich das, was du tust, wirklich zufrieden?“ 

„Selbstverständlich, ich nütze meinem Volk.“ 

„Und reicht dir das?“ fragte eine zweite Stimme in meinem Kopf. Ich wusste nicht, ob mir das reichte, aber sagte zur Stimme, sie sei arrogant und egoistisch. Sie entgegnete mir erneut: „Das mag sein. Aber du hast bislang nur wiederholt, was Menschen tun, seit es Menschen gibt – du ordnest Dinge.“ 

Ich dachte mir, das sei doch gut. Immerhin hat die Welt dadurch Fortschritte gemacht. Ich erinnerte mich an meine Geschichtskenntnisse, an das Leben im alten Ägypten oder Griechenland. Waren wir nicht schon vor Jahrtausenden in der Lage, große Bauwerke wie die Pyramiden zu errichten? In aktuellen Dokumentationen habe ich gelernt, dass selbst die besten ihrer Zunft nicht mal mit heutigen Techniken die Genauigkeiten und Stabilität der damaligen Bauwerke erreichen können. Waren wir nicht damals schon fähig, Götter zu verehren, zu weben, Feuer zu machen, uns Geliebte und Ehefrauen zuzulegen und geschriebene Botschaften weiterzugeben? 

Auch wenn sich die Gesellschaft mittlerweile so organisiert hat, dass es anstelle von Sklaven, die nichts bekamen, Sklaven gibt, die einen Lohn erhalten, sind Fortschritte nur auf dem Gebiet der Wissenschaft gemacht worden. In einigen Bereichen haben wir uns so verloren, dass wir früher sogar weiter entwickelt waren (Medizin, Kräuterkunde, Selbstversorgung, Naturverständnis…), und dadurch heute verheerendes Chaos anrichten, den Planeten unwiderruflich zerstören. 

Wir Menschen stellen uns heute noch immer dieselben Fragen wie unsere Vorfahren. Oder anders gesagt, wir haben uns überhaupt nicht weiterentwickelt. 

Mir wurde mit den Monaten immer klarer, dass es zwei Traditionen gibt: eine, die uns Jahrhunderte dazu anhielt, immer das Gleiche zu machen. Die andere, die uns die Pforten zum Unbekannten öffnet. Aber diese zweite Tradition ist unbequem und gefährlich, weil sie, wenn sie zu viele Anhänger hat, am Ende eine Gesellschaft zerstören wird, deren Organisation nach dem Vorbild der Ameisen so viel Mühe gekostet hat. Daher ist diese Tradition zu etwas Geheimen geworden und konnte nur so viele Jahre überleben, weil ihre Anhänger mit Symbolen eine geheime Sprache geschaffen haben. 

Ich hatte Angst davor, Schritte zu tun, die von der Gesellschaft nicht vorgesehen sind, aber trotz meiner großen Ängste erschien mir solch ein Leben letztlich sehr viel interessanter. 

Ich wollte mehr über die Tradition wissen und kam mit Menschen ins Gespräch, die Dinge wussten, die ich nicht mal kannte. Ich forschte weiter nach, blieb aufmerksam und bemerkte eine Veränderung bei mir. Ich wurde selbstbewusster, sicherer und kam meinen eigenen Fähigkeiten näher. Dabei hatte ich mich doch immer als Durchschnitt betrachtet, ohne Begabungen. 

Wenn wir am Ende unsere Freiheit erringen, werden wir möglicherweise unter freiem Himmel schlafen und von Luft und Liebe leben müssen, es sei denn, wir sind imstande, Gefühl und Arbeit ins Gleichgewicht zu bringen. 

Wenn ich nicht Krankenpfleger wäre, was wäre ich dann? Vermutlich ein Reisender, der alles finden möchte, was ihm noch fehlt, um sich und das Leben in seiner Fülle erfahren zu können. Jemand, der sich das mentale Rüstzeug anlegen möchte, um in jeder Situation im Leben Freude empfinden zu können. Jemand, der darüber gerne schreiben und es mit anderen teilen möchte. Aber das bringt kein Geld… 

Nun, wenn du es leid bist zu sein, was du nicht bist, dann gehe und vergnüge dich und feiere das Leben, indem du tust, was du so sehr möchtest. In meinem Fall: Lernen durch die Begegnung mit Fremden. 

Mit der Zeit wirst du herausfinden, dass dir das mehr Zufriedenheit bringt: Es wird dir einen Sinn geben. 

Ich bin dieser Tradition gefolgt durch Symbole, oder rein intuitiv, wie du es auch verstehen möchtest. Beginne damit zu tun, was du möchtest, und alles sonst wird dir offenbart werden. Glaube daran, dass Gott, oder das Leben, oder die Liebe eine Mutter ist, die sich um ihre Kinder kümmert und niemals zulassen wird, dass uns Böses geschieht. Ich habe das getan und überlebt. Ich habe herausgefunden, dass es andere Menschen gibt, die dies auch tun – aber sie werden für verrückt, unverantwortlich, abergläubisch gehalten. Die meisten reden nicht darüber, was sie im Inneren bewegt. Sie suchen in der Natur die Inspiration, wo sie zu finden ist, seit die Welt geschaffen wurde. 

Ich weiß nur, dass ich nun Zeichen sehe, wahrnehmen kann, die mich auf meinem Weg bestätigen und lenken, weil mir so viele Gedanken und Gespräche die Augen öffneten. Weil ich sehen heute anders begreife und alle Antworten in mir selbst finde. 

Es ist mir nicht leicht gefallen, aber eines Abends habe ich meinen Eltern und Freunden gesagt, dass ich, obwohl ich alles hatte, nicht zufrieden sei – dass ich sie verlassen und mich dem Unbestimmten zuwenden werde. Das Unbestimmte, der große Feind in meinem Leben, den ich immer versucht habe zu vermeiden, weil ich planen wollte, um Gewissheit zu haben. Meine Mutter versteht mich bis heute nicht wirklich. Fragt sich, wie ich nach all den Anstrengungen als Kriegsgeflohener, dorthin zu gelangen, wo ich heute bin, alles aufgeben kann. 

Ich verstehe sie, bitte sie dennoch innig um Geduld und Vertrauen, denn die Zukunft ist launisch und wird bestimmt durch in der Gegenwart getroffene Entscheidungen. Ich muss jetzt beginnen etwas grundlegend und radikal anders zu machen. Albert Einstein sagte wohl mal, dass das Leben wie Fahrradfahren sei. Wenn man aufhört zu treten, stürzt man. Ich möchte nicht fallen und bleibe in Bewegung, das kann sogar meine Mutter nachvollziehen und lässt mich gehen, weil sie weiß, wie glücklich ich bin. 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: