Lektionen mit ihr: #6 Streit und Zeit 

In dieser Reihe möchte ich beschreiben, was die Beziehung zu ihr mich über Liebe, das Leben und mich selbst gelehrt hat. 

Streit fördert die Erkenntnis.“ Das dachte ich immer. Ist aber nicht so. Kann es, muss es aber nicht. Und dann muss es auch nicht mal die Erkenntnis sein, die man erreichen wollte beim anderen. 

Vorsicht ist dabei geboten im aktuellen Streit alte Probleme auszupacken („Immer machst du…“; „Jedes Mal…“) und ebenso vorsichtig sollte man sich bewegen, wenn die sachliche Schiene verlassen wird. Ein Streit auf der persönlichen Ebene, in Abwesenheit von blindem Vertrauen und Liebe, kann unwiderrufliche Konsequenzen mit sich ziehen. Kann beim einen Vertrauen zerstören, den anderen enttäuschen. 

Und doch zeigt uns vor allem Streit zwei wesentliche Dinge am anderen. Streit zeigt, wie wichtig einem der andere Mensch ist. Die eigene Reaktion, der Wert dem man dem Gesagten gibt, beweist, wie nahe es einem damit geht. Welches Privileg die andere Person besitzt, dass sie überhaupt imstande ist mich zu verletzen. Wie viel Macht ich ihr über mich gegeben habe. Was aber noch wichtiger ist, da es wahrscheinlich seltener zum Vorschein kommt: Streit zeigt uns erst das echte Gesicht, verlassen von jeglichen Masken, aus purer Verzweiflung, Wut oder Angst werden wir authentisch wie nie, ehrlich zu uns selbst. Nicht selten erschreckend und verstörend für den anderen. Möchtest du jemanden wirklich kennenlernen, dann streite dich mit ihm. 

Wie gewillt wir im Streit sind eine andere Perspektive anzunehmen, Verständnis zu zeigen, Kompromisse einzugehen, unsere und andere Grenzen zu sehen, Vertrauen zu beweisen oder Harmonie zu schaffen sagt sehr viel darüber aus, wer wir sind. 

Streit ist dabei weder grundschlecht, noch ein notwendiges Mittel. Er gehört zum Miteinander dazu. Aber jedem Streit muss eben auch die Versöhnung folgen, ansonsten tun wir Unrecht. Auseinander gehen kann man immer – in Frieden. Selbstbefreit vom Leid. 

„Gehe nie im Streit mit einem Menschen auseinander.“, sagte mir meine Mutter mal. Schneide nie noch tiefer rein. Man weiß nämlich nicht, was morgen passiert. 

Ich nehme mit, dass es wesentlich effektiver und konstruktiver ist, dem anderen manchmal Zeit und Ruhe zu geben, sich währenddessen um sich selbst zu kümmern und sich zu gedulden, bis wieder Gelassenheit entsteht. Sich dann gegebenenfalls nochmal zusammen zu setzen oder eben einfach nur zu leben, was einen miteinander verbindet. Druck auszuüben, eine Entscheidung erzwingen zu wollen sowie Zeit und Vertrauen nicht zu geben lässt Wunden entstehen, hilft der Heilung nicht. Was ein Mensch von sich aus macht, selbstbestimmt, weil ihm der Sinn schlagartig einleuchtet, ist nicht nur eher von Dauer, sondern das Einzige, was wirkt. 

Wer die Zeit dazwischen nicht ertragen kann, sollte diese Unruhe als körpereigene Signale deuten, die uns zeigen, dass wir grade mit uns selbst nicht auskommen. Da hilft der Fokus auf Dinge, die Spaß machen und/oder beruhigen. Hobbys, Freunde, Tiere, Sport, Meditieren und Atemübungen. 

Eine Beziehung in der hin und wieder Unzufriedenheit über den anderen aufkommt, schadet dem Gemeinsamen kaum. Was schadet, ist dem anderen seinen Freiraum zu nehmen, ihm das Gefühl zu geben sich nicht wie gewohnt entfalten zu können, eingeschränkt und nicht akzeptiert zu werden. Das hinterlässt Narben für immer. 

Immer dann, wenn uns die Anwesenheit des anderen „zuviel“ wird oder wir kurz vor dem Moment stehen aus einer Emotion heraus etwas zutun, was wir nüchtern bereuen würden, gilt es dringend mehr Zeit mit und für sich zu verbringen. 

Das Ziel ist ein möglichst durchweg angenehmer Zustand der Gelassenheit, innerhalb dessen wir uns selbst stets treu bleiben und unsere inneren Haltungen leben können. Bewusst und standfest bleiben. 

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