Toskana: Hang, Karma und Abreise

Zwei Wochen im womoglichen Paradies auf Erden sind es letztendlich geworden.

Bis auf die letzten Tage waren wir eine Gruppe von zehn Leuten. Haben gemeinsam täglich musiziert (Geige, Gitarre, Hang, Didgeridoo, Trommel und Akkordeon meistens), auf dem Feld gearbeitet (ein Kartoffelfeld hergerichtet, geerntet, gejätet, Treppen gebaut und weitere Anbaufläche für die anstehende Saison erschafft), miteinander gelacht, voneinander gelernt, inhaltsvolle Gespräche mit aufgeschlossenen begeisterten Menschen geführt und ganz simpel nebenbei ein wundervolles beschwerdefreies Leben geführt. Begeistert haben vor allem immer wieder die Instrumente, Stefan ich danke dir so sehr für das Teilen deiner Gabe. Er spielte regelmäßig aus dem ganzen Körper sich entwickelnde Töne durch das Didgeridoo, harmonische den Raum einnehmende Klänge aus der Hang und begleitete mit seiner Gitarre andere beim musizieren. Darüber hinaus nahm er sich die Zeit uns in die Instrumente einzuweisen, mit einer wohltuenden ausgeglichenen und ruhigen Art. 
Die letzten drei Tage habe ich mit Franzi, ihrem Sohn Finn (9), sowie Andrea und ihrer Tochter Mila (3) am Zeltplatz weiter unten außerhalb vom Dorf verbracht. Antonio, den ich leider nicht kennengelernt habe, stellte uns sein verlassenes Haus dort zur Verfügung zum täglichen Kochen. Jede Mahlzeit war nicht nur günstig, sondern auch kraftgebend, unglaublich lecker und selbst gemacht. Auf das morgendliche Porridge möchte ich nicht mehr verzichten! Selbst gequetschten Hafer und Dinkel mit ausreichend Wasser vermischen, kurz kochen lassen, Zimt und Ingwer, sowie frisches Obst dazu. Tadaaaaaa, leckerschmecker. Gerne auch mit einem Schuss Reismilch, Honig, Rosinen… Alles was eben dem Gaumen schmeichelt rein in den Topf. Kostet ein paar Pfennig, ist schnell gemacht und wohltuend. 

Mit Finn und Mila konnte ich die letzten Tage besonders viel spielen. Wir haben unter anderem Gleichgewichtsübungen auf dünnen Ästen geprobt, uns Bambusstöcke angefertigt und damit das Handgelenk trainiert, rumgealbert, anschleichen geübt, Blumensträuße gebastelt und den Moment genießen können, was bei bzw. mit Kindern für mich grundsätzlich einfacher ist – da sie nicht selten die volle Aufmerksamkeit beanspruchen.

Erstmals habe ich (eine ganze Menge) Menschen kennengelernt, die in mir das Bild gerade gerückt haben, dass tägliche Arbeit nicht unangenehm wirken muss. Täglich früh aufstehen und stundenlang körperlich arbeiten habe ich bisher in meinem Kopf stets mit etwas negativem assoziiert. Das muss nicht, vor allem weil jede Arbeit in einem subjektiv angenehmen Rhythmus, mit ein wenig Bequemlichkeit, vielen Pausen und einer ordentlichen Portion Gelassenheit ausgeübt werden kann. Wer als Selbstversorger leben möchte, muss sich jedoch auf ein Leben mit übermäßig körperlicher Arbeit und vielen Stunden am Tag, die dem Lebenserhalt dienen, einlassen. Und genau darin liegt die Krux. Die Arbeit, die Silvio, Miriam und Daniel über das Jahr verrichten erscheint mir deshalb in einem durchweg positiven Kontext, weil sie immer produktiv, also schaffend ist. Leben kreierend. Nicht destruktiv, nicht unnötig oder verschwenderisch. Immer als Teil eines längeren Prozesses, einer Entwicklung oder gar eines Lösungsweges zu sehen ist. Auf keinen der Zwischenschritte könnte verzichtet werden, um später dennoch das Ziel (Essen auf dem Teller) zu erreichen. Die Arbeit ist nicht lediglich sinnvoll, sondern gar sinngebend. Sportliche Aktivität und frische Luft in natürlicher Umgebung zugleich. Vor allem die beiden Kinder haben einen für ihr Alter auffallend guten Draht zur schönen Natur, Tieren und Pflanzen. Sie gehen dankend und informiert damit um.

Die zwei Wochen kamen mir immer wieder wie gelungenes Karma vor. Jeder war gut zu jedem – immer. Die ersten Tage kam in mir beim Bewundern der Gegend häufiger dieses sonderbare und zugleich berauschende Gefühl vom letztjährigen Utopival auf. In der Brust, dieses Gefühl an einem ganz besonderen Ort zu sein, an dem ausgerechnet jetzt etwas utopisches geschieht. Erst als alle abgefahren sind habe ich begriffen, dass es wieder mal die Menschen waren, die diesem Ort ihren Zauber verliehen haben. Es sind immer die Menschen um einen herum, die Momente episch werden lassen – und natürlich die eigene Wahrnehmung, nicht zuletzt.

Bezogen auf die Beziehung zu meiner Freundin ist mir wieder bewusster geworden, dass es bei räumlicher Trennung wohl tatsächlich besser ist größere, emotionalere Themen beiseite zu legen und später zu bearbeiten, wenn man sich wieder sieht. Klären kann man aus der Ferne sicher wenig und wirklich füreinander da sein noch weniger, zumal man mit dem Kopf nicht bei den Leuten ist, die um einen herum sind.

Emotionale Höhen und Tiefen sollten wir als solche erkennen und dafür dermaßen dankbar sein, dass es aus den Ohren wieder rauskommt. Nichts anderes. Letztendlich ist alles vergänglich, sowieso und unser Leid erst recht. Aber vor allem ist die Tatsache etwas fühlen zu können das, was uns am ehesten Lebendigkeit spüren lässt. Wir LEBEN ! Das prachtvollste Geschenk, der himmlischste Segen auf Erden überhaupt. Jede Sekunde, jeder Atemzug ist eine Gabe, die doch eigentlich das Unmögliche möglich macht. Es sollte uns mit Freude und Verantwortungsgefühl für alles Lebendige überschütten

Karma hat am Ende übrigens wieder richtig zugeschlagen. Mit Lena hatte ich abgesprochen den Bus von Lucca über Turin nach München zu reservieren. Zarte 17 Stunden unterwegs, aber günstig. Dann teilte sie mir mit doch noch storniert zu haben, sie fahre spontan ans Meer und wolle später zurück nach Hause. Ich befürchtete kurz eine langwierige Reise alleine, dann kam der Umzug aus Silvios Haus zum Zeltplatz. Die Nächte wurden kälter, doch ich hatte die Möglichkeit Franzi und Andrea kennen- und schätzen zu lernen. Letztendlich wollten beide am gleichen Tag nach Lucca, an dem mein ursprünglicher Bus auch fuhr. Sie konnten mich mitnehmen, was mir eine stundenlangen Marsch bergrunter und eine Zugfahrt ersparte. Zwei Stunden im Bus und was passiert? Lena steigt in La Spezia doch noch hinzu, die restlichen 15 Stunden bin ich also wieder in bester Befleitung :).

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: