Toskana: Angekommen im Paradies

Am Freitag hat mich meine Freundin noch nachts vom Chiemsee bis München begleitet, dort haben wir unsere letzten gemeinsamen Stunden an der Isar verbracht, vor einer anmutigen Naturgeräuschkulisse, gefüllt durch offene ehrliche Gespräche und Dankbarkeit füreinander. Nach einigen Stunden Busfahrt wurde ich in Südtirol gemeinsam mit Josefine und Lena von Hannes abgeholt, der Daniel dieses Wochenende besuchen wollte. Er und seine Freundin Miriam planen gemeinsam eine selbstversorgende nachhaltige Gemeinschaft zu gründen. Mit ihnen zusammen arbeitet Silvio, welcher uns drei Neuankömmlingen Schlafplätze anbieten konnte.

Er hat sich ausserhalb des Dorfes ein Stück Land genommen, unweit von Daniel und Miriams Gemeinschaftsgarten und möchte dort von nun bis zum Sommer eine ca. 9m2 Holzhütte erbauen. Sein Lebensraum ab dann. Aktuell wohnt er noch in einem Haus am Dorfeingang und bereits seit einiger Zeit mit weniger Ressourcenverbrauch zufriedener und im bestmöglichen Einklang mit seinen Grundwerten.

Die Hüttenwände wird er aus eher rundlichem Holz, ähnlich dem Kaminholz, errichten. Verdichtet werden sie mit Lehm, welches er aus dem Boden Vorort gewinnt. Das Dach wird aus einer Teichplane, einer Schicht Erde und Gras bestehen. Geheizt wird über einen angelegten Ofen.

Ein Wasserhahn mit Waschvorrichtung befindet sich unmittelbar daneben, das Grundstück hat Wasserzugang. Im Winter kaltes. Im Sommer warmes.

Eine Outdoordusche und ein Kompostklo sollen seine Anlage  komplettieren.

Silvio ernährt sich weitestgehend von Rohkost, benötigt keine großen Nahrungsmengen, hat die meisten Lebensmittel säckeweise im Haus gelagert und hat seinen Wohnsitz noch in Deutschland gemeldet.

Aktuell zahlt er noch Miete, ab Sommer rechnet er mit monatlichen Ausgaben in Höhe von etwa 100-200€, für seine Krankenversicherung und Lebensmittel. Er zehrt noch von angespartem Geld. Durch einige Seminare, Schulungen und eigenen Projekten wird er genug Geld einnehmen können, wenngleich seine Lebensvorstellungen weitgehend vom Geldbedarf unabhängig sind und es noch weiter werden. Zumal sich durch wenige Monate Arbeit in Deutschland ein Jahr hier leben verdienen lässt.
Ein Haus ist in diesem traumhaft atmosphärischen Dorf für ca. 15.000 (sanierungsbedürftig) bis >70.000€ (wohnfertig) zu erwerben, der Kaufprozess allerdings oft langwieriger als hierzulande, da viele Erbschaften auf mehrere Leute verteilt sind und so unabhängig voneinander mit jedem einzelnen Besitzer/Verkäufer verhandelt werden muss.

Bestimmt ein Drittel des Dorfes ist unbewohnt, die Einwohner sehr entgegenkommend und gut gelaunt vom ersten Eindruck her.
Miriam begeisterte mich sofort mit Kürbis-& Kastanienmarmelade, Kastanienmehl und „Frikadellen“ aus Kastanien, sowie ihren Garten-& Kräuterkenntnissen. Am meisten aber mit ihrer urgelassenen grundpositiven Art.

Daniel, der mich mit seinem Wissen und seiner urangenehm zuzuhörenden Erzählweise, mit dem Verzicht jeglicher extremen Äußerungen, beeindruckt, hat Biologie und Ökologie zuende studiert, sieht in beiden Abschlüssen jedoch keinerlei Grundlage für sein jetziges Selbstversorgerleben. Bis zum Ende des Studiums habe er lediglich auswendig lernen müssen, kein praktisches oder eigenes Denken sei bei ihm geschult worden. Für Lerninhalte, die das eigene Mitdenken oder Lösungswege implizierten hätten sich seine Dozenten bereits stets im Vorfeld entschuldigt, nach dem Motto „Keine Sorge, das braucht ihr nicht für die Prüfungen wissen, nur dass ihr dies mal gehört habt…“. Man lerne als Biologiestudent „nicht mal eine Fichte von einer Kiefer zu unterscheiden“, sagt er ruhig und ohne Bedauern diesen Weg gegangen zu sein. „Geschweige denn von anwendbarem Wissen“, zum Beispiel zur Bodenbearbeitung oder zum Gemüseanbau. Lediglich „zu kategorisieren und (anwendbares Wissen) zu abstrahieren“.

Der Unterschied zwischen seinem Biologiestudium und dem Selbstversorgerleben erklärt er wie den zwischen dem Theologiestudium und spirituellem Wachstum, Wissen, sowie das Finden von Gott.
Den letzten Abend unseres Juristen Hannes verbrachten wir mit gemeinsamen Kochen, einem ausgiebigen Abendmahl und inhaltsvollen angenehmen Gesprächen. Vorgestern sagte ich zu Hannes noch, dass es mir nicht gelingen könne ihn anderen zu beschreiben. Heute denke ich, er ist ein liebenswerter Mensch und ein herrlicher Zuhörer. Voll von Neugier und Aufrichtigkeit. Am ersten Abend hat er mich zu einer der schmerzhaftesten Lachkaskaden meines Lebens geführt, danke dafür.

Ich bin insgesamt mal wieder sehr inspiriert von den informierten, aufgeschlossenen, mutigen, liebevollen und bewussten Menschen um mich herum mit vorgelebten vorbildlichen Lebenswerten.

Wir kamen ins Gespräch über unsere Gesellschaft, vegane Gerichte und den Markt mit Lebensmitteln. Sehr viele Hülsen-& Trockenfrüchte werden weiterhin aus China importiert, so wie viele erwerbbare vegane und Bio-Nahrung aus weit her angeschifft wird.

Weltweit gibt es eine überschaubare Anzahl an Bio-Zertifikaten, welche oft ohne weitere Überprüfung der Betriebe für einige Euros verkauft wird. Sollte dann doch mal kontrolliert werden, hat dies erstens kaum strafrechtliche Konsequenzen und zweitens wird einfach ein neues Siegel gekauft. Auf diesem Markt wird viel Schundluder betrieben, seitdem Marketingmanager die Zielgruppe der Menschen ausfindig gemacht hat, welche bereit sind für gewisse Nahrungsmittel einen Aufpreis zu zahlen, der oft in keiner Relation zu Mehrausgaben der Hersteller steht, sondern lediglich vom Produzenten zur Gewinnmaximierung missbraucht wird. Auch die meisten BioLebensmittel werden nicht im Hinblick auf Nachhaltigkeit und geschlossenen (Natur)Kreisläufen produziert, nicht auf eine vegane Weise und mit starker einhergehender Bodenzerstörung (zB durch Bodenverdichtung durch tonnenschwere Maschinen und Missachtung des bakteriellen Nährbodens).

80% der europäischen Ackerflächen werden in den kommenden Jahren nicht mehr nutzbar sein, aufgrund der Konzentration auf Monokulturen und des Phosphatschwundes (notwendig für jegliche DNA, damit überlebenswichtig und Baustein des Vitamin B12). Alle großen Produzenten haben sich bereits vor Jahren Ackerfläche und Boden in anderen Kontinenten, vorzugsweise Afrika, angeschafft.

Amüsant fand ich auch die Vorstellung, dass weitaus mehr spanisches Gemüse und italienisches Öl in Europas Supermärkten angeboten wird, als eigentlich überhaupt angebaut werden kann. So viel wird miteinander gemischt, vermischt und für den Konsumenten nicht transparent gemacht.

Vorsicht ist grundsätzlich dabei geboten alles unter einen Kamm zu scheren oder etwas als grundschlecht darzustellen, auch das war Thema der Unterhaltung.
Es kam noch die Frage auf, warum so wenige in unserer Gesellschaft bereit wären etwas bzw. sich zu verändern. Klarer könne man doch nicht tagtäglich mit der harten Realität konfrontiert werden. Diese müsse hinterfragt werden. Die Bereitschaft zur eigenen Veränderung vorausgesetzt.

Teils seien sicherlich bei jedem von uns eigene psychologische Schutzmaßnahmen gegenüber dieser derben Konfrontation und Selbstreflexion aktiv.
„Wenn die Klügeren alle nachgeben, bestimmen die Dümmeren letztendlich.“
Wir als Menschen seien sehr darauf programmiert einen gemeinsamen „Film zu fahren“ und es sei so einfach diesem zu unterliegen, dabei mitzumachen.

Es scheint uns wichtiger der Gruppe zu entsprechen, als eigenständig nachzudenken und dementsprechend zu handeln.

Ich freue mich sehr darauf die kommenden Wochen einen anderen „gemeinsamen Film zu fahren“, mich hier einbinden zu können, ein wenig Italienisch zu lernen und mich mit unendlichen positiven Gefühlen, dieser Aussicht vom Berg aus und tollen Menschen zu umgeben.

Und ich freue mich darauf, was dieser Ort und diese Menschen meiner Freundin alles geben werden, wenn sie mich besucht.

4 Kommentare

  1. Marcus Bauer · · Antwort

    konkret frage ich, weil ich mich einer Community anschliessen möchte die sich neu gründet. Ja wäre cool, wenn ihr mal was dazu schreiben könntet. thx

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  2. Marcus Bauer · · Antwort

    Hey Boris.seid ihr in der communitygruendungsphase oder seid ihr als einzelkaempfer unterwegs?lg marcus

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    1. Vorbereitungen werden getroffen, Garten ist angelegt, Gebäude werden noch saniert. Dann geht’s über die Planung hinaus 😉

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      1. Ich werde es auf dem Blog thematisieren, sobald sich weiteres ergibt bzw Miriam und Daniel etwas dazu sagen möchten.

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