Verstehen

Seit einigen Jahren erfahre ich zunehmend, was es bedeutet jemanden oder Gesagtes zu verstehen.
Den Gesamtkontext intuitiv zu begreifen, ohne darüber nachzudenken, sich den „Kopf zu zerbrechen“ oder womöglich falsch geurteilt zu haben.
Ich bin der festen Überzeugung, dass der Schlüssel zu dieser Entwicklung in einer ganzheitlich bewussteren Lebensweise liegt. Aufmerksamer sein, mental in einer Art Schwebezustand, die sich über dem Beurteilen vom Geschehenen bewegt, über dem, was mit Gedanken für gewöhnlich versucht wird zu greifen. [siehe Eckhart Tolle]
Die Betonung liegt auf versucht, deswegen liegt man womöglich auch falsch. Das Ganze mag metaphorisch klingen, ist es aber weniger und wer bereits – wenn auch nur temporär – in den Genuss gekommen ist, wird hier vermutlich zustimmend nicken.

Mit einer Schulung / Entwicklung / dem Training der rechten Gehirnhälfte ist dies sogar neurologisch zu erklären. [siehe den TED-talk der Hirnforscherin Jill Bolte Tayler]
Erst durch das Feuer, durch die Leidenschaft, also unseren Willen finden wir den Weg in die rechte Gehirnhälfte, welche ihrerseits ein Synonym für Zeitlosigkeit, Kreativität, feminine Energie, Flexibilität und Freiheit ist. Alles bezogen auf meinen eigenen Spielraum, meinen Rahmen, in dem ich lebe.
Jeder Neurologe wird uns bestätigen, dass wir dieser unabhängig agierenden Gehirnhälfte intuitives, ganzheitliches Verständnis, sowie Kreativität und räumliches Denken zuschreiben.
Dem gegenüber steht vermeintlich logisches und analytisches Denken, was für mich den Großteil meines Lebens weitaus mehr Wichtigkeit hatte, weil es von mir verlangt wurde, um meinen (Berufs-)Alltag zu meistern und Ich mich, mein Denken und mein Handeln damit identifizierte.

Wovon ich rede, das befindet sich weit abseits von esoterischen oder psychotischen Inhalten, sondern ist für mich und viele andere allgegenwärtig spürbar und verleiht Fähigkeiten, die mir in meinem Bewusstseinszustand zuvor, der mir rückblickend wie eine Art Trancezustand vorkommt – im Vergleich zur unendlichen Klarheit heute – weder anwesend noch bekannt waren.
Ich neigte dazu, mich als weitestgehend bewusst zu bezeichnen, unwissend über die Bedeutung des Wortes. Wahrscheinlich würden das viele in einer freudigen Phase ihres Lebens…
Was der Unterschied zum Zustand heute allerdings ist, konnte mir erst im nachhinein einleuchten, dann, als Ablenkungen und womöglich benommene Geisteszustände wegfielen und mir die eigentliche Klarheit, das Potenzial in meiner alltäglichen Wahrnehmung, bekannt wurde.

Ich richte wohl mittlerweile weniger Aufmerksamkeit auf das, was Menschen sagen oder tun. Stattdessen möchte ich ihr inneres Motiv diesbezüglich sehen. Das würde schon in dem Moment scheitern, in dem ich beim Gesagten stehen bleibe, es gedanklich auseinander nehme, dazu innerlich Stellung beziehe und mich auf eine Reaktion vorbereite.

Jemand sagte mir mal, es gibt zwei Möglichkeiten zuzuhören: Die einen hören zu, um zu wiederholen. Auf das Phänomen werden wir meiner Meinung nach ausreichend vorbereitet. Die anderen hören zu, um zu verstehen.
Mir fällt selber auf, dass ich Wortwahlen teils nicht wiedergeben kann, mir gelingt es aber sehr gut eine Empfindung dazu zu bekommen und sie auf lange Dauer abzuspeichern. Das erleichtert mir ungemein mich selber schnell zu verändern und zu lernen, ohne lange Reflexionsprozesse durchlaufen zu müssen. Die Empfindung ist da, dem nachzugeben bzw. darauf basierend eine Entscheidung zu fällen ist lediglich ein einziger weiterer Schritt, der nicht noch aufgestellt, abgewogen und mit Bekanntem verglichen werden muss.

Während meiner Tätigkeit in der Psychiatrie habe ich immer wieder beobachtet, wie anderen Menschen Unrecht angetan wurde, weil lediglich analytisch versucht wurde mit ihren Worten zu arbeiten. Weil ihr Gesagtes mit eigenen bisherigen Erfahrungen assoziiert und verglichen wurde.
Vor allem bei diesen sensiblen Menschen in Lebenskrisen hat das immer wieder zu Erschütterung und großem Leid geführt, oft über Jahre hinweg. Menschen, die in ihrer Lage zurecht überfordert mit sich selbst sind und dann auch noch das Gefühl vermittelt bekommen, dass man sie nicht verstehen kann oder möchte, dass man ihnen anscheinend nicht helfen kann.
Das kann man aber, auch das haben wir dort immer wieder miterleben dürfen, wenn eben nicht einzig das, was ich wahrnehme, sondern das was ist auf die Goldwaage gelegt wird.

Andere sind im besten Fall so gut zu verstehen, wie ich mich selber verstehe. Also arbeite ich an dem Wissen über mich selbst. Spüre meine Empfindungen und bin mir dessen sehr bewusst, ohne Anlass sie zu verdrängen, nicht wahr haben zu wollen, als einen Makel zu sehen. Es sind Lektionen, wie alles, was uns im Leben widerfährt. Wir können daraus lernen, etwas langfristiges mitnehmen.
Ich gehe niemals dem aus dem Weg, was mir in menschlichen Beziehungen passiert, in seiner Vollständigkeit zu erfahren. Mit allem, was dazu gehört – auch Schmerz und Enttäuschung. Alles wird mit und mit klarer.

Wenn wir das Gute in anderen sehen und ihre Beweggründe verstehen möchten, dann ist es unausweichlich, dass wir mit unserer eigenen Transformation beschäftigt sind. Tag ein, Tag aus. Es ist schier unmöglich Tugenden in anderen wahrzunehmen, die wir nicht selbst in uns tragen. Ebenso wenig scheint es mir möglich jemanden zu verstehen, wenn mir seine Perspektive unbekannt ist. Auch deswegen trifft die Aussage, dass das, was wir in anderen sehen, immer ein Spiegelbild unserer selbst ist, zu.

Zum Verständnis führt der Weg nur über Empathie. 

 

Die Liebe und das Mitgefühl sind die Grundlagen für den Weltfrieden – auf allen Ebenen.
Dalai Lama

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